Donnerstag, 21. April 2016

Kriminalsozio­lo­gen nehmen die Psychiatrie unter die Lupe

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Die Misshandlung von behinderten Kindern wird nun wissenschaftlich untersucht.

Im Fokus der Forscher: Die Kinderpsychiatrie im Otto-Wagner-Spital.

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  • Im Fokus der Forscher: Die Kinderpsychiatrie im Otto-Wagner-Spital.
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Nahezu eineinhalb Jahre sind vergangen, seit eine Krankenschwester ihr Schweigen gebrochen hat. Elisabeth Pohl sprach im Juni 2013 über furchtbare Zustände, die noch Anfang der 1980er-Jahre im Pavillon 15 des Otto-Wagner-Spitals am Steinhof in Wien geherrscht haben sollen. Behinderte Kinder, die dort zur Pflege untergebracht waren, sollen geprügelt, weggesperrt oder “in der kalten Badewanne untergetaucht” worden sein.

 

Jetzt werden die Vorkommnisse vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) akribisch durchleuchtet. Gestern, Donnerstag, präsentierte Hemma Mayrhofer das Forschungsprojekt, das von ihr geleitet und von der Stadt Wien mit 210.000 Euro finanziert wird.

“Im Mittelpunkt stehen zwei stationäre Einrichtungen der Wiener Psychiatrie – der Pavillon 15 im Otto-Wagner-Spital und die Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Rosenhügel”, sagt Mayrhofer. Ein wichtiger Aspekt seien Gespräche mit Zeitzeugen – etwa Mitarbeitern der Institutionen, ehemaligen Patienten und deren Angehörigen.

Die Gespräche mit Betroffenen, meist Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen, bezeichnet die Projekt-Leiterin als “große Herausforderung”. “Es wird zum Teil eine detektivische Arbeit.” Vor allem, wenn in diversen Archiven in Kellerräumen “herumgewühlt” wird, um an Patienten-, Personal- und Beschwerdeakten heranzukommen.

 

Strafrecht

Der Forschungszeitraum wird die Jahre 1960 bis 1980 umfassen, kann aber je nach Datenlage in beide Richtungen ausgeweitet werden. Im Fokus steht neben den beiden genannten Institutionen die gesamte Wiener Psychiatrie. Wichtig sei auch, “die schweren Vorwürfe, Missstände und unmenschliche Behandlungsweise zu klären. In Österreich hat die Menschenrechtskonvention seit 1964 Verfassungsrang”, sagt Mayrhofer. Hier gelte es, auch strafrechtliche Aspekte im Zusammenhang mit dem Pflege- und Psychiatrie-Skandal zu klären.

 

Neben Mayrhofer besteht das Wissenschaftsteam aus fünf weiteren renommierten Forscherinnen und Forschern. Zudem gibt es einen wissenschaftlichen Beirat. Der Endbericht wird im Juni 2016 vorliegen.

“Das IRKS hat bei seiner Arbeit völlig freie Hand”, heißt es aus dem Büro der zuständigen Stadträtin Sonja Wehsely. Neben dem IRKS sei man mit zwei weiteren Forscherteams in Verhandlungen gestanden.

Ein Zwischenbericht und der Endbericht werden in vollem Umfang veröffentlicht. “Das war eine unserer Grundbedingungen, dass alles ungekürzt, voll und ganz der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden muss”, sagt Mayrhofer.

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Kriminalsozio­lo­gen nehmen die Psychiatrie unter die Lupe

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Gruß Hubert

Fieberhaft – Grauenhaft

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Erstaunt, erschüttert und entrüstet, das sind die Worte, die mir dazu einfallen was in einigen Psychiatrien in Österreich, gegenständlich hier in der Klinik Hoff, stattfand. Unter anderem wurden da Patienten absichtlich mit dem Malariaerreger infiziert (auch wenn man das noch offiziell abzustreiten versucht, die Faktenlage ist aber erdrückend). Was da so alles in Psychiatrien unter “Therapie” läuft…?! So wie zum Beispiel diese “Malariatherapie”.

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Der spätere Palmers-Entführer Reinhard Pitsch wurde 1968 in der Klinik Hoff mit Elektroschocks traktiert und mit Malaria infiziert: Therapie, Forschung oder Strafe?

 

Mit dem schwarzen Hut auf dem Kopf und der Zigarette zwischen den Lippen wirkt Reinhard Pitsch wie ein Agent aus einem Nachkriegs-Thriller. Zackig eilt er über das AKH-Areal in Wien und deutet auf eine Stelle, an der nichts zu sehen ist. Vor 40 Jahren stand hier eine Trafik. “Da habe ich Zeitungen und Zigaretten für alle geholt“, sagt er und rennt weiter Richtung Klinik Hoff. Auch sie gibt es nicht mehr. Das Gebäude wurde in den 1970er-Jahren abgerissen, als das neue AKH Platz brauchte. Nur ein paar alte Nebentrakte sind noch übrig. “So hat sie auch ausgesehen, die Klinik Hoff“, sagt Pitsch.

Der 57-Jährige gehört zu den ehemaligen Patienten, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in der Psychiatrie mit Malaria infiziert worden sein sollen. Ein Dutzend hatte sich bis vergangene Woche beim Wiener Rechtsanwalt Johannes Öhlböck gemeldet. Juristisch ist nichts mehr auszurichten, dennoch will er für seine Mandanten Entschädigungszahlungen erstreiten: “Ich kämpfe dafür, dass die Verjährung fällt. Das wurde in Deutschland und Großbritannien in vergleichbaren Fällen schon gemacht, bei uns ist das Neuland.“

Ein paar hundert Meter Luftlinie von der abgerissenen Hoff-Klinik entfernt liegt das Institut für die Geschichte der Medizin. Michael Hubenstorf, sein Leiter, soll den Nachlass des 1969 verstorbenen Klinikchefs und Psychiaters Hans Hoff sichten. Letzte Antworten dürfe man sich davon nicht erwarten, warnt er. Private Fotos und Briefe, auch ein paar wissenschaftliche Arbeiten seien darin zu finden, bisher aber nichts zu den ominösen Fiebertherapien.

Hubenstorf: “Alles, was seine Arbeit betraf, hat Hoff über die Klinik abgewickelt. Mit jetzigem Wissensstand vermag ich deshalb nur zu sagen, dass die Fieberkuren in den Handbüchern damals bereits als obsolet abgelegt waren.“

 

Wenn die Berichte ehemaliger Patienten stimmen, wonach diese Kuren bis Ende der 1960er-Jahre praktiziert wurden, wirft das viele Fragen auf: Was wollten der berühmte Klinikchef Hans Hoff und der ihm eng verbundene Kinderpsychiater Walter Spiel mit den Malaria-Schüben eigentlich heilen? Dienten diese Forschungszwecken, waren es Strafsanktionen, oder wurden Patienten als lebende Depots benützt, um die Erreger der Tropenkrankheit verfügbar zu halten?

 

1968 war Pitsch 14, ein aus der Bahn geworfenes Scheidungskind, das mehrmals von zu Hause ausriss. Seine Mutter, eine Volksschullehrerin, wandte sich an den Kinderpsychiater Walter Spiel. Zwei, drei Mal bestellte dieser den Jugendlichen zu sich in die Ordination, am 26. November 1968 wies er ihn in die Klinik Hoff ein. Die Diagnose lautete: “Hebephrenie“, jugendliches Irresein.

Auf der halboffenen Station B 6 war Pitsch einer von wenigen Jugendlichen unter lauter Erwachsenen. In der ersten Woche habe man ihn mit Elektroschocks traktiert, “nicht unerträglich schmerzhaft, aber extrem unangenehm“, sagt er. “Offenbar haben sie nicht geholfen, denn danach bin ich zur Fieberkur auserkoren worden. So haben das die Pfleger und Ärzte genannt: Fieberkur.“

Pitsch sagt, man habe ihm das Malaria-infizierte Blut eines anderen Patienten intramuskulär gespritzt. Er habe hoch zu fiebern begonnen, sei tags darauf fieberfrei gewesen und habe am übernächsten Tag erneut hohes Fieber bekommen: “Wenn das Fieber an die 42 Grad erreichte, habe ich Chinin bekommen, und es ist hinuntergerasselt.“ Das ging zwei Wochen lang so. Dann habe man Blut aus seinen Venen gezapft und an den nächsten Patienten weitergegeben. Die restlichen Tage in der Klinik habe er dann “irgendwelche Medikamente bekommen, an die ich mich nicht erinnern kann und die auch nichts nützten“. Einen Tag vor Weihnachten 1968 wurde Pitsch entlassen.

 

Die Malaria-Therapie in der Hoff’schen Klinik war kein Geheimnis, sagt der Neurologe und Psychiater Bernd Küfferle, der 1965 dort zu arbeiten anfing. Nach seinem Wissensstand war es aber “keine Routinebehandlung“. Wie die Ärzte an die benötigten Malaria-Erreger herankamen, ob sie infiziertes Blut von Malaria-Patienten in anderen Wiener Spitälern bezogen oder von Tropeninstituten, kann derzeit keiner der Zeitzeugen sagen.

“Wenn wir mit der Penicillin-Behandlung keinen vollen Effekt erreichen, wenden wir auch hier die Fiebertherapie an“, heißt es in einem von Hoff herausgegebenen Lehrbuch aus dem Jahr 1960. Selbstkritisch wird dort festgehalten, dass in den USA auf die Fieberkur “bereits vollständig verzichtet“ und nur noch Antibiotika verabreicht werden und dass “berichtete Erfolge (nach der Malaria-Kur, Anm. d. Red.) nicht sehr überzeugend sind, da größere Statistiken fehlen“. In Österreich wurde die veraltete Methode dennoch weiter angewandt – nicht nur für Geistesstörungen, die durch Syphilis hervorgerufen worden waren, sondern auch für kranke Kinder und Jugendliche.

Der Kinderpsychiater Walter Spiel, der in dieser Zeit an der Hoff’schen Klinik arbeitete und in den 1970er-Jahren die erste Kinderpsychiatrische Abteilung gründete, veröffentlichte 1961 rund 90 Fallgeschichten von Kindern im Alter von sechs bis 14 Jahren. (“Die endogenen Psychosen des Kindes- und Jugendalters“). Bei den meisten von ihnen waren “schizoide Psychosen“ diagnostiziert worden, bei etwa 20 Kindern “manisch-depressive“ Störungen. Nach Ansicht von Spiel hatte sich in akuten Fällen die Elektroschock-Therapie bewährt. Die Insulinschockbehandlung – dabei wurde den Kindern Insulin gespritzt und ein durch künstliche Unterzuckerung herbeigeführter Komazustand erzeugt – soll wenig gebracht haben. Die Fiebertherapie wurde angewandt, wenn alles andere schon versagt hatte. Nach Spiels Publikation handelte es sich einmal um ein 14-jähriges Mädchen, das erst mit Elektroschocks und dann mit der “Fieberkur“ behandelt wurde, ein anderes Mal um eine 13-Jährige. Eine Verbesserung des Zustands trat in keinem der beiden beschriebenen Fälle auf.

Die Fieberkur gründet in Vorstellungen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, als man davon ausging, dass “Irresein“ durch die kathartische Wirkung des Fiebers geheilt oder zumindest verbessert werden könnte. Fieber durch Malaria eignete sich deshalb zur Kur, weil man die Fieberschübe mit Chinin unter Kontrolle halten konnte. In den NS-Konzentrationslagern wurde mit dem Malaria-Erreger experimentiert, um einen Impfstoff zu finden.

 

Hoff und Spiel stehen in der Psychiatrie nach 1945 für Aufgeschlossenheit und Innovation. An seiner Klinik förderte Hoff unterschiedliche Methoden, von Elektroschocks bis Psychoanalyse (siehe Kasten). 1953 kritisierte er auf einer Psychohygiene-Tagung in Wien Psychiater, die behaupteten, Schizophrenie sei auch erblich bedingt, und geißelte den “alten Geist“ in den Erziehungsheimen, den man aus einer überwundenen Periode kenne.

“Insofern erstaunt mich der Einsatz der Fiebertherapie doch sehr stark“, sagt Medizinhistoriker Hubenstorf. Er stellt sich nun auf eine mühsame Wühlarbeit ein. Die Krankengeschichten in öffentlichen Krankenhäusern müssen 30 Jahre lang aufbewahrt werden. Das bedeutet, dass derzeit die Akten aus dem Jahr 1981 geschreddert werden, alles davor ist vermutlich vernichtet.

Der “alte Geist“ wehte freilich auch unter dem Kinderpsychiater Walter Spiel noch eine Weile weiter. 1977 brachten Mitarbeiter der Klinik ein Rundschreiben an die Öffentlichkeit, mit dem Spiel einige “in Vergessenheit geratene Prinzipien eines Klinikbetriebs“ in Erinnerung ruft. Wörtlich heiß es, die “Anordnungen sämtlicher Personen gegenüber Patienten seien durchzusetzen, d. h. im Fall des Widerstandes oder der Widersetzlichkeit ist offensichtlich ein Krankheitszustand gegeben, der vom Dienstarzt in entsprechender Weise zu behandeln ist (Bettruhe, evt. beruhigende Medikation)“.

Als Pitsch Ende 1968 in die Psychiatrie eingewiesen wurde, hatte Klinikchef Hoff nicht einmal mehr ein Jahr zu leben. Historiker Hubenstorf weiß aus “allen möglichen Quellen, dass der Mediziner zu dieser Zeit bereits an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit war“. Der Patient Pitsch hatte nur ein Mal mit dem Klinikchef persönlich zu tun.

 

Hoff hatte den Jugendlichen, dem Tests zuvor einen IQ von 165 attestiert hatten, in den Hörsaal rufen lassen. Als er in den dreistöckigen wie ein Amphitheater angelegten Raum kam, stand der Professor am Projektor und warf Fragen an die Wand. “Er hat vor allen Leuten einen Intelligenztest mit mir gemacht, bei dem die Aufgaben immer schwieriger wurden“, sagt Pitsch. Plötzlich habe er ein schneidendes “Falsch!“ gehört, und er, Pitsch, habe Hoff frech entgegengeschleudert: “Lügen Sie doch nicht so, schauen Sie nach!“ Tatsächlich sei seine Antwort damals richtig gewesen, im abgedunkelten Saal hätten ein paar Studenten gekichert.

 

Der Eklat habe sich herumgesprochen. Pitsch, der 1977 mithalf, den Industriellen Walter Palmers zu entführen, und dafür fast vier Jahre im Gefängnis saß, hatte damals bereits erste Kontakte zu linken Zirkeln geknüpft. Einer seiner Genossen studierte Medizin und hatte die Vorführung miterlebt. Müsste Pitsch sich rückblickend zwischen Psychiatrie und Gefängnis entscheiden, würde er Zweiteres wählen: “Da habe ich wenigstens keine Elektroschocks und keine Fieberkur gekriegt, und es hat mich niemand mit Medikamenten vollgestopft, von denen ich nicht wusste, wogegen sie sein sollen.“

Irgendwann in den frühen 1970er-Jahren habe er Walter Spiel in den Räumlichkeiten von Günther Nennings Zeitschrift “Neues Forum“ getroffen. Ein paar Dutzend Psychiatriekritiker hätten sich dort zu einer Diskussionsrunde eingefunden. Er, Pitsch, habe dem Kinderpsychiater damals vor allen Leuten die Fieberkuren an den Kopf geworfen: “Die Empörung war groß, und Spiel hat sich herausgewunden. Das Thema hat damals niemanden interessiert.“

 

Fieberhaft -Grauenhaft

 

Gruß Hubert

Heimerziehung in Österreich

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Wie eine eitrige Beule war vor rund fünf Jahren einer der größten Skandale der Nachkriegsgeschichte aufgebrochen. Immer mehr Heimkinder und Internatszöglinge hatten zunächst in Deutschland und mit zeitlicher Verzögerung auch hierzulande zu erzählen begonnen, wie sie in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren unter der Obhut von Staat und Kirche körperlich und seelisch gebrochen worden waren. Man hatte sie geschlagen, angespuckt, in Besinnungsräume gesperrt, als Arbeitskräfte ausgebeutet und als Sexualobjekte missbraucht. Jede ihrer Geschichten leuchtete grell in die Abgründe einer Nachkriegswirklichkeit hinein, die von NS-Ideologie, schwarzer Pädagogik, Frauenverachtung und einem mörderischen Hass auf alles „Asoziale“ durchdrungen war. Vvon einer lückenlosen Aufarbeitung der Verbrechen kann keine Rede sein. Bilanz einer nationalen Schande.
von Edith Meinhart
http://www.profil.at/oesterreich/wir-heimkinder-6191742


Die Heimerziehung in Österreich ist ein System der Fremdunterbringung. Sie soll Kindern und Jugendlichen Obhut und Betreuung außerhalb der eigenen oder einer anderen Familie gewährleisten. Heute wird eingeräumt, dass Kinder und Jugendliche hierbei auch viele Schäden erlitten.

Im Jahr 1811 wurde den Kindern ein Recht auf Erziehung zugesprochen. Es entwickelten sich verschiedene Typen von Heimen, die mit Beginn des 20. Jahrhunderts unter zunehmend biopolitischem Einfluss standen, welcher auch Wegbereiter zur nationalsozialistischen Rassenhygiene im Zweiten Weltkrieg war. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Politik der Jugendfürsorge beinahe nahtlos wieder in eine biopolitische Richtung über. Im Schatten des faschistischen Menschenbildes wurden die Kinder drei Jahrzehnte als verwahrlost, unnütz und kriminell stigmatisiert und waren sowohl in privaten, kirchlichen wie auch in weltlichen Heimen in ganz Österreich jeglicher Art von Gewalt, insbesondere auch medizinischen Versuchen und Zwangsarbeit ausgesetzt. Ab 1969 gab es öffentliche Proteste, Diskussionen und Studien, in welchen die Praktiken kritisiert wurden, doch die Zustände änderten sich nur zögerlich.

 

Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde zunächst langsam mit dem Schließen der ersten Großheime begonnen, das Zusperren der letzten Heime dauerte bis in die 2000er-Jahre.

Das ganze Ausmaß der Gewalt sowie die psychischen und gesundheitlichen Spätfolgen für die Betroffenen wurden durch den im Jahr 2010 einsetzenden Kinderheim-Skandal bekannt, nachdem ehemalige Heimkinder an die Öffentlichkeit gingen und über die erlittenen Qualen berichteten. Ein Teil von ihnen bekam finanzielle Entschädigungen, die je nach auszahlender Stelle und Schwere des Falls unterschiedlich hoch waren.

[…]

Auch in Tirol kamen bekannte Austrofaschisten und NS-Parteigänger in Führungspositionen des Fürsorgewesens, wie der zuvor im NS-Fürsorgeapparat tätige Alfred Haindl, der es zum Leiter des Tiroler Landesjugendamtes brachte. Als solcher förderte er auch die Karriere von Maria Nowak-Vogl, die ihre Ausbildung während der NS-Zeit erhielt und sich später nicht von dem Gedankengut trennen konnte. Noch 1959 stellte sie die Frage,

„ob unsere öffentlichen Mittel, unsere beste Arbeitskraft, unsere vorzüglichste Sorge jenen zuzuwenden sei, die in irgendeiner Weise missraten, doch nie zu vollwertigen Menschen werden.[10]


Diskrete geistige Fortsetzung der NS-Psychiatrie

 

Auch klinische Heilpädagogik und klinische Psychiatrie behielten weiterhin Einfluss auf die Heime. Wer aufsässig, unruhig oder Bettnässer war, masturbierte oder der Lüge bezichtigt wurde, lief Gefahr, auf eine medizinische oder psychiatrische Kinderstation zu kommen und dort medizinischen Versuchen ausgesetzt zu sein.

 

Tausende Kinder wurden in der Klinik Hoff, in der Kinderabteilung des Krankenhauses Lainz, in der psychiatrischen Kinderstation der Universitätsklinik Innsbruck und der dort beheimateten Kinderbeobachtungsstation Maria Novak-Vogl für die medizinische Forschung missbraucht, oder sie bekamen ohne Narkose Elektroschocks vonErwin Ringel – strafweise, wie sich aus den Akten nachweisen lässt. Wer in die heilpädagogische Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt kam, war in Gefahr, von Franz Wurst sexuell missbraucht zu werden, was dieser als „Zuwendungstherapie“ bezeichnete.

Hans Asperger, Heinrich Gross, Hans Hoff, Maria Novak-Vogl, Andreas Rett, Erwin Ringel und Walter Spiel verwendeten in ihren Publikationen bis in die 1970er-Jahre vorwiegend die verräterischen Ausdrücke „Versuchsmaterial“ oder „Versuchsgut“, nur selten fanden sie zu menschlichen Begriffen wie „Kinder“, was darauf schließen lässt, dass es in der österreichischen Psychiatrie und Heilpädagogik kaum einen Bruch mit der Nazizeit gab.

Der Vorstand des Instituts für Geschichte der Medizin in Wien, Michael Hubenstorf, bezeichnet das, was tausenden Kindern unter dem Deckmantel der ärztlichen Hilfeleistung nach 1945 angetan wurde, als „diskrete geistige Fortsetzung der NS-Psychiatrie“.[21]


Maria Nowak-Vogl

 

Fast alle in den Jahren 1954 bis 1987 in Tirol, Vorarlberg und Salzburg verhaltensauffällig gewordenen Kinder gerieten in die Hände von Maria Nowak-Vogl. Sie leitete die Kinderbeobachtungsstation der Kinderpsychiatrie Innsbruck, wo sie insgesamt 3650 Kinder behandelte. Nebenbei war sie Gerichtsgutachterin sowie psychiatrische Beraterin von Kinder- und Jugendheimen.

Bettnässer mussten bei ihr auf Matratzen schlafen, die bei Feuchtigkeit zu klingeln begannen, und wer tagsüber in die mit einem elektrischen Gerät verkabelte Hose machte und damit den Alarm auslöste, bekam zusätzlich Stromstöße. Die Hosen, deren Alarm sich nur im Haus abstellen ließ, mussten auch außerhalb der Station getragen werden, etwa bei Freizeitaktivitäten außer Haus oder in der Kirche, wodurch die Kinder nicht nur vor der Gruppe sondern auch öffentlich bloßgestellt wurden.

Gegen Masturbation setzte Nowak-Vogl Epiphysan (ein Hormon aus der Zirbeldrüse von Rindern) ein, obwohl ihr bekannt war, dass dieses Medikament zu schweren Hodenschädigungen führte.

Sie habe sich, wie sie 1965 in einer Fachzeitschrift ausführte, trotz aller Bedenken für das Medikament entschieden, weil die Folgen einer „exzessiven sexuellen Aktivität“ gravierend seien. Als die Staatsanwaltschaft Innsbruck im Jahr 1980 gegen Nowak-Vogl ermittelte, rechtfertigte Andreas Rett  (Anmerkung: eh klar, selber ein Nazi) deren Verwendung von Epiphysan mit der Begründung, dass er selbst das Medikament über einen Zeitraum von 17 Jahren an 500 Behinderten erprobt habe.[22]

Weiters setzte Nowak-Vogl bei „Verwahrlosung“ und „Wutanfällen“ Röntgenstrahlen ein, die keinerlei therapeutischen Wert hatten. Da bereits seit den 1950er-Jahren in Fachzeitschriften unmissverständlich vor Krebsschäden durch Röntgenstrahlung gewarnt wurde, wird darin eine absichtliche schwere Körperverletzung gesehen. Auch Medikamente gegen Epilepsie und Betäubungsmittel kamen zum Einsatz, um die Kinder „zur Ruhe zu bringen“. Besonders demütigend war für die Kinder auch die Benützung als Vorführobjekte in Lehrveranstaltungen, bei denen sie angezogen oder nackt in herabwürdigender Weise präsentiert wurden.[10][21]

Andreas Rett

 

Während seiner Tätigkeit als Leiter der Kinderabteilung des Krankenhauses Lainz (bis 1975) und als Leiter der Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel in Wien (1975 bis 1989) führte Andreas Rett neben den oben erwähnten 500 Epiphysan-Behandlungen auch andere Medikamenten-Versuche an Kindern – auch Heimkindern – durch. Dazu gehörten etwaOxazolidin, das heute aufgrund seiner Giftigkeit nur mehr als Schmiermittel verwendet wird, und Thalidomid: Zwar war zur Zeit seiner Versuche (1958 bis 1961) der Contergan-Skandal noch kein Begriff, das Medikament hatte aber auch andere schwere Nebenwirkungen, die häufig und zeitnah auftraten. Andreas Rett arbeitete zeitweise auch eng mit Heinrich Gross zusammen.[21]

Hans Hoff

 

Als besonders irritierend gilt, dass der wegen seiner jüdischen Abstammung 1938 vor den Nazis geflüchtete Hans Hoff nach seiner Rückkehr im Jahr 1949 ebenfalls Patienten für medizinische Versuche missbrauchte und zudem keine Skrupel hatte, gemeinsam mit Heinrich Gross an den Gehirnen der am Spiegelgrund unter Gross‘ Beteiligung ermordeten Kinder zu forschen. Zudem führte Hoff bis Mitte der 1970er-Jahre Malariaversuche durch – u. a. an strafweise verlegten Heimkindern. Der ab 1965 an der Klinik Hoff beschäftigte Psychiater Bernd Küfferle vermutet, dass damit das Ziel verfolgt wurde, „den Malaria-Erreger am Leben zu erhalten, um ihn im Spital verfügbar zu haben“, denn es war „schon damals klar, dass das keine sinnvolle Behandlung ist“.[21]

Walter Spiel

 

Walter Spiel, von 1975 bis 1991 Leiter der Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie in Wien und von 1953 bis 1956 psychiatrischer Berater in der Erziehungsanstalt Kaiser-Ebersdorf, beschrieb 1957 einen Medikamentenversuch mit Reserpin an 72 Kindern, wovon 8 Heimkinder waren. Die Kinder wurden wegen Leistungsproblemen in der Schule oder weil sie „unruhig“ waren an die Universitätskinderklinik überwiesen, eines bekam zusätzlich Elektroschocks. –

Zahlreiche Behandlungen mit Elektroschocks, Insulinschocks sowie „Fieberkur“ (vermutlich ist damit „Malariatherapie“ gemeint), die er an der Klinik Hoff durchgeführt hat, beschreibt Spiel in seiner Habilitation 1961.

 

Heimerziehung in Österreich

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Siehe auch:

Ernie Mangold: „Aufarbeiten und entschuldigen“

Woher rührt Ihrer Meinung nach die Gewalt, die Kindern in Heimen angetan wurde?

Es ist ja eine Tatsache, dass es schon vor dem Zweiten Weltkrieg diese Institutionen gab, die damals schon grauslich waren. Aber die Nazis haben dann die Grausamkeiten gesteigert, medizinische Versuche durchgeführt und Kinder in Heimen umgebracht. Die Ärzte und die Forschung haben da mitgespielt. Und nach der Hitlerzeit ist es weitergegangen. Sie konnten die Heimkinder nicht mehr umbringen, aber Versuchskaninchen waren sie weiterhin, wenn man sich etwa die Malaria-Versuche in den 1960er-Jahren anschaut.

[…]

Aus der Politik sind bereits Töne zu vernehmen, dass genug zur Aufarbeitung der Geschichte von Kinderheimen gemacht wurde. Nach dem Motto „Lass ma’s gut sein“.

Nix lassen wir gut sein. Wie beim Holocaust. Es gibt Sachen, die nicht gut werden. Da bin ich ganz dagegen. Die Aufarbeitung muss sein. In Österreich ist das ohnehin so schwierig, wie man in den 80er-Jahren gesehen hat, als das Thema Restitution von geraubter Kunst endlich in der österreichischen Gesellschaft angekommen ist. Es dauert bei uns alles sehr, sehr lange. Gerade bei diesen Leuten, die so gequält worden sind, vergewaltigt worden sind … Ehemalige Heimkinder brauchen Zeit, bis sie darüber reden können und an die Öffentlichkeit gehen. Das muss man aufarbeiten und sich von offizieller Seite entschuldigen.

http://m.kurier.at/chronik/wien/ernie-mangold-aufarbeiten-und-entschuldigen/34.886.003

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Siehe auch Video: Erziehungsheime in Tirol

Rai Südtirol (15.07.2015): Bericht in der Tagesschau


http://streaming.uibk.ac.at/medien/c603/c603228/lehre/ralser/erziehungsheime_studie_150706.mp4


Kreuz und quer v 18 06 2013 ORF 2

 

 Gruß Hubert

Psychiater Heinrich Gross – Am Spiegelgrund


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Wieder so ein prominenter Psychiater, der trotz zahlreicher Morde an Kindern in der NS-Zeit, ungeschoren davon kam.

 

Am Spiegelgrund


 Grabstelle der Kindereuthanasie-Opfer am Zentralfriedhof

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Der Name Am Spiegelgrund bezeichnete von 1940 bis 1945 eine Jugendfürsorgeanstalt auf dem Anstaltsgelände der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ (dem heutigen Otto-Wagner-Spital) auf der Baumgartner Höhe in Wien. Diese teilte sich in ein Erziehungsheim und eine „Nervenheilanstalt für Kinder“, zu der auch eine sogenannte Kinderfachabteilung gehörte, in der kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinischen Versuchen ausgesetzt und gequält wurden. Mindestens 789 von ihnen wurden ermordet.[1] Heute gilt der Name Am Spiegelgrund als Synonym für Verbrechen der NS-Medizin und „eine bedrohliche, demütigende, in vielen Fällen auch tödliche „Heil“-Pädagogik“.

[…]

Aktion T4

 

Die Einrichtung der Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund wurde erst möglich, nachdem etwa 3200 bzw. zwei Drittel der Patienten der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt im Zuge der Aktion T4 abtransportiert und die Pavillons dadurch geleert wurden. Die Patienten wurden, teilweise nach einem Zwischenstopp in den Anstalten Niedernhart bei Linz oder Ybbs an der Donau, in die Tötungsanstalt Hartheim überstellt und dort vergast.

https://de.wikipedia.org/wiki/Am_Spiegelgrund

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Nun zu Heinrich Gross

 

Heinrich Gross (* 14. November 1915 in Wien; † 15. Dezember 2005 in Hollabrunn) war ein österreichischer Arzt, der als Stationsleiter der „Reichsausschuß-Abteilung“ an der Wiener „Euthanasie“-Klinik Am Spiegelgrund behinderte Kinder für Forschungszwecke missbrauchte und an ihrer Ermordung beteiligt war. Seine Nachkriegskarriere konnte er auf der während der NS-Zeit entstandenen Gehirnsammlung aufbauen, die er für 34 wissenschaftliche Arbeiten heranzog. Er wurde Leiter des eigens für ihn geschaffenen Ludwig Boltzmann-Instituts zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems und meistbeauftragter Gerichtspsychiater Österreichs.  

 

In dieser Funktion traf er 1975 auf den Spiegelgrund-Überlebenden Friedrich Zawrel, der den Anstoß dazu gab, dass die Öffentlichkeit von Gross’ Vorleben erfuhr. Als Werner Vogt ihn 1979 der Ermordung hunderter Kinder bezichtigte, strengte Gross ein Verfahren gegen Vogt wegen übler Nachrede an. Vor dem Oberlandesgericht Wien konnte ihm die Mitbeteiligung an den „Euthanasie“-Morden nachgewiesen werden. Strafrechtlich konnte er dafür jedoch nicht belangt werden, weil die Staatsanwaltschaft sich jahrelang weigerte (Anmerkung: warum wohl?), ihn des Mordes anzuklagen, und Totschlag verjährt war. Erst 1997 kam es zur Mordanklage. Die Verhandlung sollte am 21. März 2000 stattfinden, jedoch wurde Gross für nicht vernehmungsfähig erklärt und die Verhandlung für unbestimmte Zeit aufgeschoben. Im August 2005 tauchten Verhörprotokolle Erwin Jekelius aus Archiven der russischen Militärstaatsanwaltschaft aus den Jahren 1945 bis 1948 auf, die Gross schwer belasteten, doch die Staatsanwaltschaft wurde nicht mehr aktiv, Gross verstarb noch im selben Jahr.

[…]

Am Spiegelgrund

 

Hauptartikel: Am Spiegelgrund

Am 18. November 1940 begann Gross unter dem ärztlichen Leiter Erwin Jekelius und dessen Stellvertreterin Margarethe Hübsch (Jekelius wurde ab Juli 1942 durch Ernst Illing abgelöst) als Aushilfsanstaltsarzt am Spiegelgrund, wurde aber bald Anstaltsarzt; zunächst in der „Schulkinderabteilung“ für schwer erziehbare Kinder der am 24. Juli 1940 in neun Pavillons des Spitalskomplexes eingerichteten Jugend-Fürsorgeanstalt. Deren Aufgabe war die „Beobachtung psychopathischer oder erbkranker Kinder, die nach zwei- bis dreimonatigem Aufenthalt an die einzelnen Anstalten zur weiteren Behandlung und Erziehung abgegeben werden sollten“.

Dort versuchte Gross, Kinder mit sadistischen, für sie qualvollen Maßnahmen wie „Speibinjektionen“ zu disziplinieren. Mit der Gründung der „Säuglingsabteilung“ im April 1941, die intern alsReichsausschußabteilungbekannt und die zweite ihrer Art im Großdeutschen Reich war, übernahm Gross deren Leitung. In dieser „Reichsausschußabteilung“, die sich im Pavillon 15 befand, fanden bis 1945 „Euthanasie“-Morde statt.

Häufig verfasste Gross die Meldungen an den Reichsausschuss. Stellte er eine negative Prognose, führte das dazu, dass der Reichsausschuss deren Tötung genehmigte. Lag die Genehmigung vor, wurde meist das Pflegepersonal angewiesen, dem Kind Gift ins Essen zu mischen oder es wurde injiziert, wobei es so dosiert war, dass die Kinder nicht sofort, sondern mehrere Tage lang, häufig an Lungenentzündung und anderen Folgekrankheiten, qualvoll starben – „da man den Eltern dieser Kinder Gelegenheit bieten wollte, ihre Kinder noch lebend zu sehen“, wie Illing am 22. Oktober 1945 aussagte.[4] Gross erledigte auch die Korrespondenz mit den Eltern der Kinder, die über eine plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes informiert wurden, ehe die Kinder starben.

Gross besuchte im Juni/Juli 1941 und im Jänner 1942 Weiterbildungskurse in Brandenburg an der Havel, wo sich eine T4-Tötungsanstalt befand und in der Landesanstalt Görden bei Brandenburg unter dem Leiter Hans Heinze seit 1939 die erste Kinderfachabteilung eingerichtet war. Was genau Gross dort gelernt hat, ist nicht bekannt, jedoch stieg die Sterblichkeitsrate der „Kinderfachabteilung“ nach seiner Rückkehr drastisch an: Während im ersten Halbjahr 1941 22 Kinder den Tod fanden, waren es im zweiten Halbjahr bereits 72.[3][2] Von den getöteten Kindern wurden Gehirne und Rückenmarksstränge entnommen und für Forschungszwecke aufbewahrt.[5]

 


Gross bekam im Oktober 1941 eine Dienstwohnung für sich und seine Familie am Gelände der Klinik. Per 11. November 1941 wurde er rückwirkend ab 1. Februar 1940 in den Dienst der Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien übernommen, was eine Nachzahlung an Bezügen bedeutete. Zudem bekam er eine „einmalige Sonderzuwendung“ für das Jahr 1941, die der SS-Hauptsturmführer Hermann (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, SD-Leitabschnitt Wien) für ihn erwirkte.[1]
Am 26. März 1942 wurde Gross zur Wehrmacht nach Hollabrunn einberufen, befand sich aber am 5. Mai 1942 schon wieder am Spiegelgrund, da er per 27. April als unabkömmlich für die (mit der „Euthanasie“ befasste) Kanzlei des Führers gestellt wurde. Gross führte seine Tätigkeit als Gutachter auch in Ybbs aus und befand sich im Mai 1942 mehrere Tage im Kinderheim Frischau bei Znaim, um die dort untergebrachten Kinder zu sichten und zu selektieren.

Unter Illing als neuem ärztlichen Leiter des Spiegelgrunds ab 1. Juli 1942 teilte Gross die Leitung der „Säuglingsabteilung“ mit Marianne Türk. Bis zu diesem Zeitpunkt kamen auf der Abteilung unter Gross’ Leitung 336 Kinder ums Leben, wobei er in 238 Fällen auch den Totenschein unterschrieb.[5] Mit Illings Eintreffen begann Gross auch an medizinischen Experimenten mitzuwirken. So wurden an fast allen Kindern des Spiegelgrunds Pneumoencephalographien vorgenommen – in vielen Fällen durch Gross. Das Forschungsinteresse Illings galt nämlich dem Nachweis, dass Tuberöse Sklerose durch die Pneumoencephalographie bereits beim lebenden Patienten diagnostiziert werden könne.

 

Oft überlebten die Kinder die extrem schmerzhafte Untersuchung nicht, bei der für eine Röntgenaufnahme über das Rückgrat Luft in die Gehirnkammern gepresst wurde. Gross und Illing nahmen dabei weder Rücksicht auf den Gesundheitszustand der kleinen Patienten noch war medizinische Notwendigkeit gegeben. Ihr Interesse galt einzig der Forschung. Um die Diagnosen klinisch zu belegen, war es notwendig, von den verstorbenen Patienten Hirnschnitte anzufertigen.[1][2]

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Kriegsende und Nachkriegszeit

 

Auch war es ein Glück für Gross, dass er nur in einem Fall angeklagt wurde. Der Justizminister Josef Gerö drängte bereits bei Illings Verfahren darauf, umgehend Anklage zu erheben und das weitere Studium der Patientenakten bleiben zu lassen, und so gab sich die Staatsanwaltschaft bei Gross mit einem Fall zufrieden, ohne weitere Untersuchungen oder Zeugenvernehmungen durchzuführen. Auch über Widersprüche in Gross’ Aussagen darüber, wie weit er vom Reichsausschuß wusste, sah man hinweg, und offensichtlich falsche Entlastungsaussagen wurden nicht hinterfragt (Anmerkung: Ich staune wieder). In Erster Instanz wurde er nur für seine Mithilfe durch das Verfassen von Gutachten zu zwei Jahren Haft verurteilt. Da die Strafe jedoch genau der Dauer der Untersuchungshaft entsprach, ging er bereits am 1. April 1950 wieder frei.
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Karriere im Nachkriegsösterreich

 

Gross rehabilitierte sich wie viele andere ehemalige Nationalsozialisten über den Bund Sozialistischer Akademiker (BSA) und konnte durch die dort geknüpften Verbindungen erneut in den Dienst der Stadt Wien treten. Er absolvierte eine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie an der Nervenheilanstalt Rosenhügel, die zu der Zeit unter der Leitung von Erwin Stransky stand. 1953 trat er der SPÖ bei.[6] Nach Abschluss seiner Ausbildung kehrte er 1955 auf den Steinhof (heute Otto-Wagner-Spital) zurück.

Gross setzte seine Forschungen an den Kinderhirnen fort und publizierte zwischen 1954 und 1978 34 Arbeiten, deren Schwerpunkt weiterhin „angeborene und frühzeitig erworbene hochgradige Schwachsinnszustände“ waren. Teilweise entstanden diese Veröffentlichungen gemeinsam mit Franz Seitelberger, Barbara Uiberrak, Elfriede Kaltenbäck (einer Mitarbeiterin Gross’ im Neurohistologischen Laboratorium, später im Ludwig-Boltzmann-Institut), Hans Hoff und anderen. Auf die NS-Zeit hinweisende Lebens- und Sterbedaten wurden im Allgemeinen vermieden, als Herkunft des „Materials“ wurde die Prosektur des Steinhof angegeben.

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Wiedersehen mit Friedrich Zawrel

 

In seiner Funktion als Gerichtspsychiater saß Gross am 27. Dezember 1975 dem ehemaligen Spiegelgrund-Insassen Friedrich Zawrel gegenüber. Zawrel hatte über all die Jahre Gross’ Tätigkeit als Gerichtspsychiater in den Zeitungen verfolgt und konnte nicht verstehen, „wie es möglich war, dass ein Mann mit so einer Vergangenheit eine so wichtige Stellung im Justizapparat haben konnte, zumal seine Vergangenheit durch den Prozess vor dem Volksgericht bekannt war“.[1] Gross gegenübersitzend sagte Zawrel:[3]

„Glauben Sie mir, ich kenne Menschen, die haben hunderttausende Mal mehr verbrochen wie ich, aber die sind heute wieder angesehene Leute, sind in hohen Funktionen und so.“

Gross verstand nicht und erkannte Zawrel nicht. Auf die Frage, ob er schon einmal psychiatriert worden sei, antwortete Zawrel:[3]

 

Herr Doktor, für einen Akademiker haben Sie aber ein sehr schlechtes Gedächtnis. […] Herr Doktor, können Sie überhaupt noch gut schlafen? Haben Sie schon vergessen die vielen toten Kinder vom Pavillon 15, haben Sie schon die gemarterten und misshandelten Kinder vom Pavillon 17 vergessen?“

Mit dem Gutachten, das Gross anfertigte, sprach er sich dafür aus, Zawrel im Anschluss an die Haft in einer Anstalt für gefährliche Rückfallstäter für immer hinter Gitter zu behalten und untermauerte dies u. a. mit einem Gutachten Illings aus dem Jahr 1943. Zawrel wehrte sich, indem er mittels eines Kassibers Kontakt zum Kurier aufnahm. Wolfgang Höllrigl, der Zawrel interviewte, veröffentlichte am 17. Dezember 1978 den ganzseitigen Artikel „Ein Häftling erkannte in Österreichs meistbeschäftigtem Gerichtspsychiater Dr. Gross einen NS-Arzt wieder. Ein Arzt aus der NS-Mörderklinik“ erschien. Nicht nur die Vergangenheit von Gross wurde darin beleuchtet, auch einige auf Basis seiner Gutachten gefasste Urteile aus großen Prozessen wurden kritisch unter die Lupe genommen.[8]

 

Gross’ Klage gegen Werner Vogt

 

„Nun also macht sich Gross, der selbst an der Tötung Hunderter Kinder mitbeteiligt war, über die Tötungsdelikte Geisteskranker her.“
Vogt, sein Verteidiger Johannes Patzak und der Medizinhistoriker Michael Hubenstorf recherchierten den Werdegang von Gross und analysierten seine wissenschaftliche Publikationen ebenso wie die Verfahrensakten gegen Illing 1946 und Gross 1950. Als Zeugin wurde die Krankenschwester Anna Katschenka geladen, doch sie erlebte den Verhandlungstermin nicht mehr. Als der Kronzeuge Friedrich Zawrel zu erzählen begann, schnitt Richter Bruno Weis ihm das Wort mit „das gehört nicht hierher“ ab. Das Verfahren führte in Erster Instanz am 22. Februar 1980 zu einem Schuldspruch für Vogt, der zu einer Geldstrafe von 32.000 Schilling sowie zu einer Geldbuße an Gross von 10.000 Schilling verurteilt wurde. Die Strafe sollte generalpräventiv wirken, also mögliche Folgetäter abschrecken. Vogt legte Berufung ein.[2][1]

In der Folge klagten sich 3.600 Menschen selbst an, weil sie auf einer Unterschriftenliste das Zitat jener Formulierung, wegen der Vogt angeklagt wurde, unterschrieben hatten, darunter etwa Christine Nöstlinger, Peter Turrini, Dieter Seefranz, Anton Pelinka, Alfred Hrdlicka und Sigi Maron. Gross strengte kein Verfahren gegen sie an. Jedoch verklagte er im Jänner 1981 die Kabarettisten Erwin Steinhauer und Götz Kauffmann, die Gross in einer im November 1980 im ORF ausgestrahlten Kabarett-Sendung parodierten. Sie wurden ein Jahr später freigesprochen.[1]

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Mordanklage

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Erwin Rasinger:[7]

„Ich kann es nicht akzeptieren, daß man im medizinischen Bereich Naziverbrechen bagatellisiert. Die Ärzte waren auch in Österreich Teil einer grauenhaften Tötungsmaschinerie, die nicht nur Andersdenkende, andere Rassen, sondern auch Kranke und Behinderte brutal ermorden ließ. … Ich stehe nicht an, mich als Arzt bei den vielen Opfern und Hinterbliebenen des Dritten Reiches zu entschuldigen, da wir Ärzte sehr viel Mithilfe geleistet haben, daß im Rassenwahn und in falscher Pflichterfüllung Hunderttausende, Millionen von Menschen zu Tode kamen. Ich persönlich schäme mich.“

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Das Justizministerium lehnte die Einstellung des Verfahrens gegen Gross ab. Ende 1997 wurde das Strafverfahren wegen Mordes eingeleitet. Sepp Rieder, damals Gesundheitsstadtrat und Vizebürgermeister Wiens, bezeichnete Gross im Jänner 1998 während einer Pressekonferenz zum Symposium „Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien“ als Mörder.[
Am 21. März 2000 saß Gross auf der Anklagebank, die Verhandlung wurde jedoch nach 30 Minuten aufgrund eines neuerlichen Gutachtens des Psychiaters Haller vertagt und nicht wieder aufgenommen. Haller attestierte Gross fortgeschrittene vaskuläre Demenz und eine ausgeprägte Depression.[12] Der New Yorker Psychiater und Gerichtssachverständige Peter Stastny stellte zum Gutachten fest:

„Unerklärlich sind mir die Umstände, unter denen das psychiatrische Gutachten gemacht wurde und – vor allem – warum es vom Gericht als schlüssig akzeptiert wurde. […] Aus den Befunden – sowohl Computertomografie (CT) wie Tests wie Beobachtung – werden Schlüsse gezogen, die daraus nicht ableitbar sind. So wird die Diagnose der Demenz und einer ausgeprägten Depression auch auf die CTs gestützt. […] Der zweite von Dr. Haller angewandte Test der zerebralen Insuffizienz ist überhaupt nicht mehr gängig. Das Konzept der zerebralen Insuffizienz wird heute weder klinisch noch wissenschaftlich verwendet.[13]

Psychiater Heinrich Gross – Am Spiegelgrund

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Ein ganz normaler Arzt. I

 

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Gruß Hubert