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Erstaunt,
erschüttert und entrüstet, das sind die Worte, die mir dazu einfallen
was in einigen Psychiatrien in Österreich, gegenständlich hier in der
Klinik Hoff, stattfand. Unter anderem wurden da Patienten absichtlich
mit dem Malariaerreger infiziert (auch wenn man das noch offiziell
abzustreiten versucht, die Faktenlage ist aber erdrückend). Was da so
alles in Psychiatrien unter “Therapie” läuft…?! So wie zum Beispiel
diese “Malariatherapie”.
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Der spätere
Palmers-Entführer Reinhard Pitsch wurde 1968 in der Klinik Hoff mit
Elektroschocks traktiert und mit Malaria infiziert: Therapie, Forschung
oder Strafe?
Mit dem schwarzen Hut auf dem Kopf und der Zigarette zwischen den
Lippen wirkt Reinhard Pitsch wie ein Agent aus einem
Nachkriegs-Thriller. Zackig eilt er über das AKH-Areal in Wien und
deutet auf eine Stelle, an der nichts zu sehen ist. Vor 40 Jahren stand
hier eine Trafik. “Da habe ich Zeitungen und Zigaretten für alle
geholt, sagt er und rennt weiter Richtung Klinik Hoff. Auch sie gibt es
nicht mehr. Das Gebäude wurde in den 1970er-Jahren abgerissen, als das
neue AKH Platz brauchte. Nur ein paar alte Nebentrakte sind noch übrig.
“So hat sie auch ausgesehen, die Klinik Hoff, sagt Pitsch.
Der 57-Jährige gehört zu den ehemaligen Patienten, die in
den 1950er- und 1960er-Jahren in der Psychiatrie mit Malaria infiziert
worden sein sollen. Ein Dutzend hatte sich bis vergangene Woche
beim Wiener Rechtsanwalt Johannes Öhlböck gemeldet. Juristisch ist
nichts mehr auszurichten, dennoch will er für seine Mandanten
Entschädigungszahlungen erstreiten: “Ich kämpfe dafür, dass die
Verjährung fällt. Das wurde in Deutschland und Großbritannien in
vergleichbaren Fällen schon gemacht, bei uns ist das Neuland.
Ein paar hundert Meter Luftlinie von der abgerissenen Hoff-Klinik
entfernt liegt das Institut für die Geschichte der Medizin. Michael
Hubenstorf, sein Leiter, soll den Nachlass des 1969 verstorbenen
Klinikchefs und Psychiaters Hans Hoff sichten. Letzte Antworten dürfe
man sich davon nicht erwarten, warnt er. Private Fotos und Briefe, auch
ein paar wissenschaftliche Arbeiten seien darin zu finden, bisher aber
nichts zu den ominösen Fiebertherapien.
Hubenstorf: “Alles, was seine Arbeit betraf, hat Hoff über die
Klinik abgewickelt. Mit jetzigem Wissensstand vermag ich deshalb nur zu
sagen, dass die Fieberkuren in den Handbüchern damals bereits als
obsolet abgelegt waren.
Wenn die Berichte ehemaliger
Patienten stimmen, wonach diese Kuren bis Ende der 1960er-Jahre
praktiziert wurden, wirft das viele Fragen auf: Was wollten der berühmte
Klinikchef Hans Hoff und der ihm eng verbundene Kinderpsychiater Walter
Spiel mit den Malaria-Schüben eigentlich heilen? Dienten diese
Forschungszwecken, waren es Strafsanktionen, oder wurden Patienten als
lebende Depots benützt, um die Erreger der Tropenkrankheit verfügbar zu
halten?
1968 war Pitsch 14, ein aus der Bahn geworfenes Scheidungskind, das
mehrmals von zu Hause ausriss. Seine Mutter, eine Volksschullehrerin,
wandte sich an den Kinderpsychiater Walter Spiel. Zwei,
drei Mal bestellte dieser den Jugendlichen zu sich in die Ordination,
am 26. November 1968 wies er ihn in die Klinik Hoff ein. Die Diagnose
lautete: “Hebephrenie, jugendliches Irresein.
Auf der halboffenen Station B 6 war Pitsch einer von wenigen Jugendlichen unter lauter Erwachsenen.
In der ersten Woche habe man ihn mit Elektroschocks traktiert, “nicht
unerträglich schmerzhaft, aber extrem unangenehm, sagt er. “Offenbar
haben sie nicht geholfen, denn danach bin ich zur Fieberkur auserkoren
worden. So haben das die Pfleger und Ärzte genannt: Fieberkur.
Pitsch sagt, man habe ihm das
Malaria-infizierte Blut eines anderen Patienten intramuskulär gespritzt.
Er habe hoch zu fiebern begonnen, sei tags darauf fieberfrei gewesen
und habe am übernächsten Tag erneut hohes Fieber bekommen: “Wenn das
Fieber an die 42 Grad erreichte, habe ich Chinin bekommen, und es ist
hinuntergerasselt. Das ging zwei Wochen lang so. Dann habe man Blut aus
seinen Venen gezapft und an den nächsten Patienten weitergegeben.
Die restlichen Tage in der Klinik habe er dann “irgendwelche
Medikamente bekommen, an die ich mich nicht erinnern kann und die auch
nichts nützten. Einen Tag vor Weihnachten 1968 wurde Pitsch entlassen.
Die Malaria-Therapie in der
Hoffschen Klinik war kein Geheimnis, sagt der Neurologe und Psychiater
Bernd Küfferle, der 1965 dort zu arbeiten anfing. Nach seinem
Wissensstand war es aber “keine Routinebehandlung. Wie die Ärzte an die
benötigten Malaria-Erreger herankamen, ob sie infiziertes Blut von
Malaria-Patienten in anderen Wiener Spitälern bezogen oder von
Tropeninstituten, kann derzeit keiner der Zeitzeugen sagen.
“Wenn wir mit der Penicillin-Behandlung keinen vollen Effekt
erreichen, wenden wir auch hier die Fiebertherapie an, heißt es in
einem von Hoff herausgegebenen Lehrbuch aus dem Jahr 1960.
Selbstkritisch wird dort festgehalten, dass in den USA auf die Fieberkur
“bereits vollständig verzichtet und nur noch Antibiotika verabreicht
werden und dass “berichtete Erfolge (nach der Malaria-Kur, Anm. d. Red.) nicht sehr überzeugend sind, da größere Statistiken fehlen.
In Österreich wurde die veraltete Methode dennoch weiter angewandt –
nicht nur für Geistesstörungen, die durch Syphilis hervorgerufen worden
waren, sondern auch für kranke Kinder und Jugendliche.
Der Kinderpsychiater Walter Spiel,
der in dieser Zeit an der Hoffschen Klinik arbeitete und in den
1970er-Jahren die erste Kinderpsychiatrische Abteilung gründete,
veröffentlichte 1961 rund 90 Fallgeschichten von Kindern im Alter von
sechs bis 14 Jahren. (“Die endogenen Psychosen des Kindes- und
Jugendalters). Bei den meisten von ihnen waren “schizoide Psychosen diagnostiziert worden, bei etwa 20 Kindern “manisch-depressive Störungen. Nach
Ansicht von Spiel hatte sich in akuten Fällen die
Elektroschock-Therapie bewährt. Die Insulinschockbehandlung – dabei
wurde den Kindern Insulin gespritzt und ein durch künstliche
Unterzuckerung herbeigeführter Komazustand erzeugt – soll wenig gebracht
haben. Die Fiebertherapie wurde angewandt, wenn alles andere schon versagt hatte. Nach
Spiels Publikation handelte es sich einmal um ein 14-jähriges Mädchen,
das erst mit Elektroschocks und dann mit der “Fieberkur behandelt
wurde, ein anderes Mal um eine 13-Jährige. Eine Verbesserung des
Zustands trat in keinem der beiden beschriebenen Fälle auf.
Die Fieberkur gründet in Vorstellungen aus der Zeit um die
Jahrhundertwende, als man davon ausging, dass “Irresein durch die
kathartische Wirkung des Fiebers geheilt oder zumindest verbessert
werden könnte. Fieber durch Malaria eignete sich deshalb zur Kur, weil man die Fieberschübe mit Chinin unter Kontrolle halten konnte. In den NS-Konzentrationslagern wurde mit dem Malaria-Erreger experimentiert, um einen Impfstoff zu finden.
Hoff und Spiel stehen in der Psychiatrie nach 1945 für
Aufgeschlossenheit und Innovation. An seiner Klinik förderte Hoff
unterschiedliche Methoden, von Elektroschocks bis Psychoanalyse (siehe
Kasten). 1953 kritisierte er auf einer Psychohygiene-Tagung in Wien
Psychiater, die behaupteten, Schizophrenie sei auch erblich bedingt, und
geißelte den “alten Geist in den Erziehungsheimen, den man aus einer
überwundenen Periode kenne.
“Insofern erstaunt mich der Einsatz der Fiebertherapie doch sehr
stark, sagt Medizinhistoriker Hubenstorf. Er stellt sich nun auf eine
mühsame Wühlarbeit ein. Die Krankengeschichten in öffentlichen
Krankenhäusern müssen 30 Jahre lang aufbewahrt werden. Das bedeutet,
dass derzeit die Akten aus dem Jahr 1981 geschreddert werden, alles
davor ist vermutlich vernichtet.
Der “alte Geist wehte freilich auch unter dem Kinderpsychiater Walter Spiel noch eine Weile weiter. 1977
brachten Mitarbeiter der Klinik ein Rundschreiben an die
Öffentlichkeit, mit dem Spiel einige “in Vergessenheit geratene
Prinzipien eines Klinikbetriebs in Erinnerung ruft. Wörtlich heiß es,
die “Anordnungen sämtlicher Personen gegenüber Patienten seien
durchzusetzen, d. h. im Fall des Widerstandes oder der Widersetzlichkeit
ist offensichtlich ein Krankheitszustand gegeben, der vom Dienstarzt in
entsprechender Weise zu behandeln ist (Bettruhe, evt. beruhigende
Medikation).
Als Pitsch Ende 1968 in die Psychiatrie eingewiesen wurde, hatte
Klinikchef Hoff nicht einmal mehr ein Jahr zu leben. Historiker
Hubenstorf weiß aus “allen möglichen Quellen, dass der Mediziner zu
dieser Zeit bereits an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit war. Der
Patient Pitsch hatte nur ein Mal mit dem Klinikchef persönlich zu tun.
Hoff hatte den Jugendlichen,
dem Tests zuvor einen IQ von 165 attestiert hatten, in den Hörsaal rufen
lassen. Als er in den dreistöckigen wie ein Amphitheater angelegten
Raum kam, stand der Professor am Projektor und warf Fragen an die Wand.
“Er hat vor allen Leuten einen Intelligenztest mit mir gemacht, bei dem
die Aufgaben immer schwieriger wurden, sagt Pitsch. Plötzlich habe er
ein schneidendes “Falsch! gehört, und er, Pitsch, habe Hoff frech
entgegengeschleudert: “Lügen Sie doch nicht so, schauen Sie nach!
Tatsächlich sei seine Antwort damals richtig gewesen, im abgedunkelten
Saal hätten ein paar Studenten gekichert.
Der Eklat habe sich herumgesprochen. Pitsch, der 1977 mithalf, den
Industriellen Walter Palmers zu entführen, und dafür fast vier Jahre im
Gefängnis saß, hatte damals bereits erste Kontakte zu linken Zirkeln
geknüpft. Einer seiner Genossen studierte Medizin und hatte die
Vorführung miterlebt. Müsste Pitsch
sich rückblickend zwischen Psychiatrie und Gefängnis entscheiden, würde
er Zweiteres wählen: “Da habe ich wenigstens keine Elektroschocks und
keine Fieberkur gekriegt, und es hat mich niemand mit Medikamenten
vollgestopft, von denen ich nicht wusste, wogegen sie sein sollen.
Irgendwann in den frühen 1970er-Jahren habe er Walter Spiel in den
Räumlichkeiten von Günther Nennings Zeitschrift “Neues Forum getroffen.
Ein paar Dutzend
Psychiatriekritiker hätten sich dort zu einer Diskussionsrunde
eingefunden. Er, Pitsch, habe dem Kinderpsychiater damals vor allen
Leuten die Fieberkuren an den Kopf geworfen: “Die Empörung war groß, und
Spiel hat sich herausgewunden. Das Thema hat damals niemanden
interessiert.
Gruß Hubert
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