Die Misshandlung von behinderten Kindern wird nun wissenschaftlich untersucht.
Im Fokus der Forscher: Die Kinderpsychiatrie im Otto-Wagner-Spital.
.
.
.
Nahezu eineinhalb Jahre sind vergangen, seit eine Krankenschwester ihr Schweigen gebrochen hat. Elisabeth Pohlsprach
im Juni 2013 über furchtbare Zustände, die noch Anfang der 1980er-Jahre
im Pavillon 15 des Otto-Wagner-Spitals am Steinhof in Wien geherrscht
haben sollen. Behinderte Kinder, die
dort zur Pflege untergebracht waren, sollen geprügelt, weggesperrt oder
“in der kalten Badewanne untergetaucht” worden sein.
Jetzt werden die Vorkommnisse vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) akribisch durchleuchtet. Gestern,
Donnerstag, präsentierte Hemma Mayrhofer das Forschungsprojekt, das von
ihr geleitet und von der Stadt Wien mit 210.000 Euro finanziert wird.
“Im Mittelpunkt stehen zwei
stationäre Einrichtungen der Wiener Psychiatrie – der Pavillon 15 im
Otto-Wagner-Spital und die Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am
Rosenhügel”, sagt Mayrhofer. Ein wichtiger Aspekt seien Gespräche mit
Zeitzeugen – etwa Mitarbeitern der Institutionen, ehemaligen Patienten
und deren Angehörigen.
Die Gespräche mit Betroffenen,
meist Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen, bezeichnet die
Projekt-Leiterin als “große Herausforderung”. “Es wird zum Teil eine
detektivische Arbeit.” Vor allem, wenn in diversen Archiven in
Kellerräumen “herumgewühlt” wird, um an Patienten-, Personal- und
Beschwerdeakten heranzukommen.
Strafrecht
Der Forschungszeitraum wird die Jahre 1960 bis 1980 umfassen, kann
aber je nach Datenlage in beide Richtungen ausgeweitet werden. Im Fokus
steht neben den beiden genannten Institutionen die gesamte Wiener
Psychiatrie. Wichtig sei auch, “die schweren Vorwürfe, Missstände und
unmenschliche Behandlungsweise zu klären.In
Österreich hat die Menschenrechtskonvention seit 1964 Verfassungsrang”,
sagt Mayrhofer. Hier gelte es, auch strafrechtliche Aspekte im
Zusammenhang mit dem Pflege- und Psychiatrie-Skandal zu klären.
Neben Mayrhofer besteht das Wissenschaftsteam aus fünf weiteren
renommierten Forscherinnen und Forschern. Zudem gibt es einen
wissenschaftlichen Beirat.Der Endbericht wird im Juni 2016 vorliegen.
“Das IRKS hat bei seiner Arbeit völlig freie Hand”, heißt es aus dem
Büro der zuständigen Stadträtin Sonja Wehsely. Neben dem IRKS sei man
mit zwei weiteren Forscherteams in Verhandlungen gestanden.
Ein Zwischenbericht und der Endbericht werden in vollem Umfang
veröffentlicht. “Das war eine unserer Grundbedingungen, dass alles
ungekürzt, voll und ganz der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt
werden muss”, sagt Mayrhofer.
Erstaunt,
erschüttert und entrüstet, das sind die Worte, die mir dazu einfallen
was in einigen Psychiatrien in Österreich, gegenständlich hier in der
Klinik Hoff, stattfand. Unter anderem wurden da Patienten absichtlich
mit dem Malariaerreger infiziert (auch wenn man das noch offiziell
abzustreiten versucht, die Faktenlage ist aber erdrückend). Was da so
alles in Psychiatrien unter “Therapie” läuft…?! So wie zum Beispiel
diese “Malariatherapie”.
.
Der spätere
Palmers-Entführer Reinhard Pitsch wurde 1968 in der Klinik Hoff mit
Elektroschocks traktiert und mit Malaria infiziert: Therapie, Forschung
oder Strafe?
Mit dem schwarzen Hut auf dem Kopf und der Zigarette zwischen den
Lippen wirkt Reinhard Pitsch wie ein Agent aus einem
Nachkriegs-Thriller. Zackig eilt er über das AKH-Areal in Wien und
deutet auf eine Stelle, an der nichts zu sehen ist. Vor 40 Jahren stand
hier eine Trafik. “Da habe ich Zeitungen und Zigaretten für alle
geholt, sagt er und rennt weiter Richtung Klinik Hoff. Auch sie gibt es
nicht mehr. Das Gebäude wurde in den 1970er-Jahren abgerissen, als das
neue AKH Platz brauchte. Nur ein paar alte Nebentrakte sind noch übrig.
“So hat sie auch ausgesehen, die Klinik Hoff, sagt Pitsch.
Der 57-Jährige gehört zu den ehemaligen Patienten, die in
den 1950er- und 1960er-Jahren in der Psychiatrie mit Malaria infiziert
worden sein sollen. Ein Dutzend hatte sich bis vergangene Woche
beim Wiener Rechtsanwalt Johannes Öhlböck gemeldet. Juristisch ist
nichts mehr auszurichten, dennoch will er für seine Mandanten
Entschädigungszahlungen erstreiten: “Ich kämpfe dafür, dass die
Verjährung fällt. Das wurde in Deutschland und Großbritannien in
vergleichbaren Fällen schon gemacht, bei uns ist das Neuland.
Ein paar hundert Meter Luftlinie von der abgerissenen Hoff-Klinik
entfernt liegt das Institut für die Geschichte der Medizin. Michael
Hubenstorf, sein Leiter, soll den Nachlass des 1969 verstorbenen
Klinikchefs und Psychiaters Hans Hoff sichten. Letzte Antworten dürfe
man sich davon nicht erwarten, warnt er. Private Fotos und Briefe, auch
ein paar wissenschaftliche Arbeiten seien darin zu finden, bisher aber
nichts zu den ominösen Fiebertherapien.
Hubenstorf: “Alles, was seine Arbeit betraf, hat Hoff über die
Klinik abgewickelt. Mit jetzigem Wissensstand vermag ich deshalb nur zu
sagen, dass die Fieberkuren in den Handbüchern damals bereits als
obsolet abgelegt waren.
Wenn die Berichte ehemaliger
Patienten stimmen, wonach diese Kuren bis Ende der 1960er-Jahre
praktiziert wurden, wirft das viele Fragen auf: Was wollten der berühmte
Klinikchef Hans Hoff und der ihm eng verbundene Kinderpsychiater Walter
Spiel mit den Malaria-Schüben eigentlich heilen? Dienten diese
Forschungszwecken, waren es Strafsanktionen, oder wurden Patienten als
lebende Depots benützt, um die Erreger der Tropenkrankheit verfügbar zu
halten?
1968 war Pitsch 14, ein aus der Bahn geworfenes Scheidungskind, das
mehrmals von zu Hause ausriss. Seine Mutter, eine Volksschullehrerin,
wandte sich an den Kinderpsychiater Walter Spiel. Zwei,
drei Mal bestellte dieser den Jugendlichen zu sich in die Ordination,
am 26. November 1968 wies er ihn in die Klinik Hoff ein. Die Diagnose
lautete: “Hebephrenie, jugendliches Irresein.
Auf der halboffenen Station B 6 war Pitsch einer von wenigen Jugendlichen unter lauter Erwachsenen.
In der ersten Woche habe man ihn mit Elektroschocks traktiert, “nicht
unerträglich schmerzhaft, aber extrem unangenehm, sagt er. “Offenbar
haben sie nicht geholfen, denn danach bin ich zur Fieberkur auserkoren
worden. So haben das die Pfleger und Ärzte genannt: Fieberkur.
Pitsch sagt, man habe ihm das
Malaria-infizierte Blut eines anderen Patienten intramuskulär gespritzt.
Er habe hoch zu fiebern begonnen, sei tags darauf fieberfrei gewesen
und habe am übernächsten Tag erneut hohes Fieber bekommen: “Wenn das
Fieber an die 42 Grad erreichte, habe ich Chinin bekommen, und es ist
hinuntergerasselt. Das ging zwei Wochen lang so. Dann habe man Blut aus
seinen Venen gezapft und an den nächsten Patienten weitergegeben.
Die restlichen Tage in der Klinik habe er dann “irgendwelche
Medikamente bekommen, an die ich mich nicht erinnern kann und die auch
nichts nützten. Einen Tag vor Weihnachten 1968 wurde Pitsch entlassen.
Die Malaria-Therapie in der
Hoffschen Klinik war kein Geheimnis, sagt der Neurologe und Psychiater
Bernd Küfferle, der 1965 dort zu arbeiten anfing. Nach seinem
Wissensstand war es aber “keine Routinebehandlung. Wie die Ärzte an die
benötigten Malaria-Erreger herankamen, ob sie infiziertes Blut von
Malaria-Patienten in anderen Wiener Spitälern bezogen oder von
Tropeninstituten, kann derzeit keiner der Zeitzeugen sagen.
“Wenn wir mit der Penicillin-Behandlung keinen vollen Effekt
erreichen, wenden wir auch hier die Fiebertherapie an, heißt es in
einem von Hoff herausgegebenen Lehrbuch aus dem Jahr 1960.
Selbstkritisch wird dort festgehalten, dass in den USA auf die Fieberkur
“bereits vollständig verzichtet und nur noch Antibiotika verabreicht
werden und dass “berichtete Erfolge (nach der Malaria-Kur, Anm. d. Red.) nicht sehr überzeugend sind, da größere Statistiken fehlen.
In Österreich wurde die veraltete Methode dennoch weiter angewandt –
nicht nur für Geistesstörungen, die durch Syphilis hervorgerufen worden
waren, sondern auch für kranke Kinder und Jugendliche.
Der Kinderpsychiater Walter Spiel,
der in dieser Zeit an der Hoffschen Klinik arbeitete und in den
1970er-Jahren die erste Kinderpsychiatrische Abteilung gründete,
veröffentlichte 1961 rund 90 Fallgeschichten von Kindern im Alter von
sechs bis 14 Jahren. (“Die endogenen Psychosen des Kindes- und
Jugendalters). Bei den meisten von ihnen waren “schizoide Psychosen diagnostiziert worden, bei etwa 20 Kindern “manisch-depressive Störungen.Nach
Ansicht von Spiel hatte sich in akuten Fällen die
Elektroschock-Therapie bewährt. Die Insulinschockbehandlung – dabei
wurde den Kindern Insulin gespritzt und ein durch künstliche
Unterzuckerung herbeigeführter Komazustand erzeugt – soll wenig gebracht
haben.Die Fiebertherapie wurde angewandt, wenn alles andere schon versagt hatte. Nach
Spiels Publikation handelte es sich einmal um ein 14-jähriges Mädchen,
das erst mit Elektroschocks und dann mit der “Fieberkur behandelt
wurde, ein anderes Mal um eine 13-Jährige. Eine Verbesserung des
Zustands trat in keinem der beiden beschriebenen Fälle auf.
Die Fieberkur gründet in Vorstellungen aus der Zeit um die
Jahrhundertwende, als man davon ausging, dass “Irresein durch die
kathartische Wirkung des Fiebers geheilt oder zumindest verbessert
werden könnte. Fieber durch Malaria eignete sich deshalb zur Kur, weil man die Fieberschübe mit Chinin unter Kontrolle halten konnte. In den NS-Konzentrationslagern wurde mit dem Malaria-Erreger experimentiert, um einen Impfstoff zu finden.
Hoff und Spiel stehen in der Psychiatrie nach 1945 für
Aufgeschlossenheit und Innovation. An seiner Klinik förderte Hoff
unterschiedliche Methoden, von Elektroschocks bis Psychoanalyse (siehe
Kasten). 1953 kritisierte er auf einer Psychohygiene-Tagung in Wien
Psychiater, die behaupteten, Schizophrenie sei auch erblich bedingt, und
geißelte den “alten Geist in den Erziehungsheimen, den man aus einer
überwundenen Periode kenne.
“Insofern erstaunt mich der Einsatz der Fiebertherapie doch sehr
stark, sagt Medizinhistoriker Hubenstorf. Er stellt sich nun auf eine
mühsame Wühlarbeit ein. Die Krankengeschichten in öffentlichen
Krankenhäusern müssen 30 Jahre lang aufbewahrt werden. Das bedeutet,
dass derzeit die Akten aus dem Jahr 1981 geschreddert werden, alles
davor ist vermutlich vernichtet.
Der “alte Geist wehte freilich auch unter dem Kinderpsychiater Walter Spiel noch eine Weile weiter.1977
brachten Mitarbeiter der Klinik ein Rundschreiben an die
Öffentlichkeit, mit dem Spiel einige “in Vergessenheit geratene
Prinzipien eines Klinikbetriebs in Erinnerung ruft. Wörtlich heiß es,
die “Anordnungen sämtlicher Personen gegenüber Patienten seien
durchzusetzen, d. h. im Fall des Widerstandes oder der Widersetzlichkeit
ist offensichtlich ein Krankheitszustand gegeben, der vom Dienstarzt in
entsprechender Weise zu behandeln ist (Bettruhe, evt. beruhigende
Medikation).
Als Pitsch Ende 1968 in die Psychiatrie eingewiesen wurde, hatte
Klinikchef Hoff nicht einmal mehr ein Jahr zu leben. Historiker
Hubenstorf weiß aus “allen möglichen Quellen, dass der Mediziner zu
dieser Zeit bereits an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit war. Der
Patient Pitsch hatte nur ein Mal mit dem Klinikchef persönlich zu tun.
Hoff hatte den Jugendlichen,
dem Tests zuvor einen IQ von 165 attestiert hatten, in den Hörsaal rufen
lassen. Als er in den dreistöckigen wie ein Amphitheater angelegten
Raum kam, stand der Professor am Projektor und warf Fragen an die Wand.
“Er hat vor allen Leuten einen Intelligenztest mit mir gemacht, bei dem
die Aufgaben immer schwieriger wurden, sagt Pitsch. Plötzlich habe er
ein schneidendes “Falsch! gehört, und er, Pitsch, habe Hoff frech
entgegengeschleudert: “Lügen Sie doch nicht so, schauen Sie nach!
Tatsächlich sei seine Antwort damals richtig gewesen, im abgedunkelten
Saal hätten ein paar Studenten gekichert.
Der Eklat habe sich herumgesprochen. Pitsch, der 1977 mithalf, den
Industriellen Walter Palmers zu entführen, und dafür fast vier Jahre im
Gefängnis saß, hatte damals bereits erste Kontakte zu linken Zirkeln
geknüpft. Einer seiner Genossen studierte Medizin und hatte die
Vorführung miterlebt. Müsste Pitsch
sich rückblickend zwischen Psychiatrie und Gefängnis entscheiden, würde
er Zweiteres wählen: “Da habe ich wenigstens keine Elektroschocks und
keine Fieberkur gekriegt, und es hat mich niemand mit Medikamenten
vollgestopft, von denen ich nicht wusste, wogegen sie sein sollen.
Irgendwann in den frühen 1970er-Jahren habe er Walter Spiel in den
Räumlichkeiten von Günther Nennings Zeitschrift “Neues Forum getroffen.
Ein paar Dutzend
Psychiatriekritiker hätten sich dort zu einer Diskussionsrunde
eingefunden. Er, Pitsch, habe dem Kinderpsychiater damals vor allen
Leuten die Fieberkuren an den Kopf geworfen: “Die Empörung war groß, und
Spiel hat sich herausgewunden. Das Thema hat damals niemanden
interessiert.
Wie eine eitrige Beule war vor rund fünf Jahren einer der größten
Skandale der Nachkriegsgeschichte aufgebrochen. Immer mehr Heimkinder
und Internatszöglinge hatten zunächst in Deutschland und mit zeitlicher
Verzögerung auch hierzulande zu erzählen begonnen, wie sie in den
1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren unter der Obhut von Staat und Kirche
körperlich und seelisch gebrochen worden waren. Man hatte sie
geschlagen, angespuckt, in Besinnungsräume gesperrt, als Arbeitskräfte
ausgebeutet und als Sexualobjekte missbraucht. Jede ihrer
Geschichten leuchtete grell in die Abgründe einer Nachkriegswirklichkeit
hinein, die von NS-Ideologie, schwarzer Pädagogik, Frauenverachtung und
einem mörderischen Hass auf alles „Asoziale“ durchdrungen war. Vvon einer lückenlosen Aufarbeitung der Verbrechen kann keine Rede sein. Bilanz einer nationalen Schande.
von Edith Meinhart http://www.profil.at/oesterreich/wir-heimkinder-6191742
Die Heimerziehung in Österreich ist ein System der Fremdunterbringung.
Sie soll Kindern und Jugendlichen Obhut und Betreuung außerhalb der
eigenen oder einer anderen Familie gewährleisten. Heute wird eingeräumt,
dass Kinder und Jugendliche hierbei auch viele Schäden erlitten.
Im Jahr 1811 wurde den Kindern ein Recht auf Erziehung zugesprochen.
Es entwickelten sich verschiedene Typen von Heimen, die mit Beginn des
20. Jahrhunderts unter zunehmend biopolitischem
Einfluss standen, welcher auch Wegbereiter zur nationalsozialistischen
Rassenhygiene im Zweiten Weltkrieg war. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging
die Politik der Jugendfürsorge beinahe nahtlos wieder in eine
biopolitische Richtung über. Im Schatten des faschistischen
Menschenbildes wurden die Kinder drei Jahrzehnte als verwahrlost, unnütz
und kriminell stigmatisiert und waren sowohl in privaten, kirchlichen
wie auch in weltlichen Heimen in ganz Österreich jeglicher Art von
Gewalt, insbesondere auch medizinischen Versuchen und Zwangsarbeit
ausgesetzt. Ab 1969 gab es öffentliche Proteste, Diskussionen und
Studien, in welchen die Praktiken kritisiert wurden, doch die Zustände
änderten sich nur zögerlich.
Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde zunächst langsam mit dem Schließen
der ersten Großheime begonnen, das Zusperren der letzten Heime dauerte
bis in die 2000er-Jahre.
Das ganze Ausmaß der Gewalt sowie die psychischen und
gesundheitlichen Spätfolgen für die Betroffenen wurden durch den im Jahr
2010 einsetzenden Kinderheim-Skandal bekannt, nachdem ehemalige
Heimkinder an die Öffentlichkeit gingen und über die erlittenen Qualen
berichteten. Ein Teil von ihnen bekam finanzielle Entschädigungen, die
je nach auszahlender Stelle und Schwere des Falls unterschiedlich hoch
waren.
[…]
Auch in Tirol kamen bekannte Austrofaschisten und NS-Parteigänger in
Führungspositionen des Fürsorgewesens, wie der zuvor im
NS-Fürsorgeapparat tätige Alfred Haindl, der es zum Leiter des Tiroler Landesjugendamtes brachte. Als solcher förderte er auch die Karriere von Maria Nowak-Vogl, die
ihre Ausbildung während der NS-Zeit erhielt und sich später nicht von
dem Gedankengut trennen konnte. Noch 1959 stellte sie die Frage,
„ob unsere öffentlichen Mittel, unsere beste Arbeitskraft,
unsere vorzüglichste Sorge jenen zuzuwenden sei, die in irgendeiner
Weise missraten, doch nie zu vollwertigen Menschen werden.[10]“
Diskrete geistige Fortsetzung der NS-Psychiatrie
Auch klinische Heilpädagogik und
klinische Psychiatrie behielten weiterhin Einfluss auf die Heime. Wer
aufsässig, unruhig oder Bettnässer war, masturbierte oder der Lüge
bezichtigt wurde, lief Gefahr, auf eine medizinische oder psychiatrische
Kinderstation zu kommen und dort medizinischen Versuchen ausgesetzt zu
sein.
Hans Asperger, Heinrich Gross, Hans Hoff, Maria Novak-Vogl, Andreas Rett, Erwin Ringel und Walter Spiel
verwendeten in ihren Publikationen bis in die 1970er-Jahre vorwiegend
die verräterischen Ausdrücke „Versuchsmaterial“ oder „Versuchsgut“, nur
selten fanden sie zu menschlichen Begriffen wie „Kinder“, was darauf
schließen lässt, dass es in der österreichischen Psychiatrie und
Heilpädagogik kaum einen Bruch mit der Nazizeit gab.
Der Vorstand des Instituts für Geschichte der Medizin in Wien, Michael Hubenstorf, bezeichnet das, was tausenden Kindern unter dem Deckmantel der ärztlichen Hilfeleistung nach 1945 angetan wurde, als „diskrete geistige Fortsetzung der NS-Psychiatrie“.[21]
Maria Nowak-Vogl
Fast alle in den Jahren 1954 bis 1987 in Tirol, Vorarlberg
und Salzburg verhaltensauffällig gewordenen Kinder gerieten in die Hände
von Maria Nowak-Vogl. Sie leitete die Kinderbeobachtungsstation der
Kinderpsychiatrie Innsbruck, wo sie insgesamt 3650 Kinder behandelte. Nebenbei war sie Gerichtsgutachterin sowie psychiatrische Beraterin von Kinder- und Jugendheimen.
Bettnässer mussten bei ihr auf Matratzen schlafen, die bei Feuchtigkeit zu klingeln begannen,und
wer tagsüber in die mit einem elektrischen Gerät verkabelte Hose machte
und damit den Alarm auslöste, bekam zusätzlich Stromstöße. Die Hosen,
deren Alarm sich nur im Haus abstellen ließ, mussten auch außerhalb der
Station getragen werden, etwa bei Freizeitaktivitäten außer Haus oder in
der Kirche, wodurch die Kinder nicht nur vor der Gruppe sondern auch
öffentlich bloßgestellt wurden.
Gegen Masturbation setzte Nowak-VoglEpiphysan(ein
Hormon aus der Zirbeldrüse von Rindern) ein, obwohl ihr bekannt war,
dass dieses Medikament zu schweren Hodenschädigungen führte.
Sie habe sich, wie sie 1965 in einer Fachzeitschrift
ausführte, trotz aller Bedenken für das Medikament entschieden, weil die
Folgen einer „exzessiven sexuellen Aktivität“ gravierend seien. Als die
Staatsanwaltschaft Innsbruck im Jahr 1980 gegen Nowak-Vogl ermittelte,
rechtfertigte Andreas Rett (Anmerkung: eh klar, selber ein Nazi) deren
Verwendung von Epiphysan mit der Begründung, dass er selbst das
Medikament über einen Zeitraum von 17 Jahren an 500 Behinderten erprobt
habe.[22]
Weiters setzte Nowak-Vogl bei „Verwahrlosung“ und
„Wutanfällen“ Röntgenstrahlen ein, die keinerlei therapeutischen Wert
hatten. Da bereits seit den 1950er-Jahren in Fachzeitschriften
unmissverständlich vor Krebsschäden durch Röntgenstrahlung gewarnt
wurde, wird darin eine absichtliche schwere Körperverletzung gesehen.
Auch Medikamente gegen Epilepsie und Betäubungsmittel kamen zum Einsatz,
um die Kinder „zur Ruhe zu bringen“. Besonders demütigend war für die
Kinder auch die Benützung als Vorführobjekte in Lehrveranstaltungen, bei denen sie angezogen oder nackt in herabwürdigender Weise präsentiert wurden.[10][21]
Andreas Rett
Während seiner Tätigkeit als Leiter der Kinderabteilung des
Krankenhauses Lainz (bis 1975) und als Leiter der Abteilung für
entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel in Wien (1975 bis 1989) führte
Andreas Rett neben den oben erwähnten 500 Epiphysan-Behandlungen auch
andere Medikamenten-Versuche an Kindern – auch Heimkindern – durch. Dazu
gehörten etwaOxazolidin, das heute aufgrund seiner Giftigkeit nur mehr als Schmiermittel verwendet wird, und Thalidomid: Zwar war zur Zeit seiner Versuche (1958 bis 1961) der Contergan-Skandal noch kein Begriff, das Medikament hatte aber auch andere schwere Nebenwirkungen, die häufig und zeitnah auftraten. Andreas Rett arbeitete zeitweise auch eng mit Heinrich Gross zusammen.[21]
Hans Hoff
Als besonders irritierend gilt, dass der wegen seiner
jüdischen Abstammung 1938 vor den Nazis geflüchtete Hans Hoff nach
seiner Rückkehr im Jahr 1949 ebenfalls Patienten für medizinische
Versuche missbrauchte und zudem keine Skrupel hatte, gemeinsam mit
Heinrich Gross an den Gehirnen der am Spiegelgrund unter Gross‘
Beteiligung ermordeten Kinder zu forschen. Zudem führte Hoff bis Mitte der 1970er-Jahre Malariaversuche durch – u. a. an strafweise verlegten Heimkindern. Der
ab 1965 an der Klinik Hoff beschäftigte Psychiater Bernd Küfferle
vermutet, dass damit das Ziel verfolgt wurde, „den Malaria-Erreger am
Leben zu erhalten, um ihn im Spital verfügbar zu haben“, denn es war
„schon damals klar, dass das keine sinnvolle Behandlung ist“.[21]
Walter Spiel
Walter Spiel, von 1975 bis 1991 Leiter der
Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie in Wien und von 1953
bis 1956 psychiatrischer Berater in der Erziehungsanstalt
Kaiser-Ebersdorf, beschrieb 1957 einen Medikamentenversuch mit Reserpin
an 72 Kindern, wovon 8 Heimkinder waren. Die Kinder wurden wegen
Leistungsproblemen in der Schule oder weil sie „unruhig“ waren an die
Universitätskinderklinik überwiesen, eines bekam zusätzlich
Elektroschocks. –
Zahlreiche Behandlungen mit Elektroschocks, Insulinschocks
sowie „Fieberkur“ (vermutlich ist damit „Malariatherapie“ gemeint), die
er an der Klinik Hoff durchgeführt hat, beschreibt Spiel in seiner
Habilitation 1961.
Woher rührt Ihrer Meinung nach die Gewalt, die Kindern in Heimen angetan wurde?
Es ist ja eine Tatsache, dass es schon vor dem Zweiten Weltkrieg
diese Institutionen gab, die damals schon grauslich waren. Aber die
Nazis haben dann die Grausamkeiten gesteigert, medizinische Versuche
durchgeführt und Kinder in Heimen umgebracht. Die Ärzte und die
Forschung haben da mitgespielt. Und nach der Hitlerzeit ist es
weitergegangen. Sie konnten die Heimkinder nicht mehr umbringen, aber
Versuchskaninchen waren sie weiterhin, wenn man sich etwa die
Malaria-Versuche in den 1960er-Jahren anschaut.
[…]
Aus der Politik sind bereits Töne zu vernehmen, dass genug
zur Aufarbeitung der Geschichte von Kinderheimen gemacht wurde. Nach dem
Motto „Lass ma’s gut sein“.
Nix lassen wir gut sein. Wie
beim Holocaust. Es gibt Sachen, die nicht gut werden. Da bin ich ganz
dagegen. Die Aufarbeitung muss sein. In Österreich ist
das ohnehin so schwierig, wie man in den 80er-Jahren gesehen hat, als
das Thema Restitution von geraubter Kunst endlich in der
österreichischen Gesellschaft angekommen ist. Es dauert bei uns alles
sehr, sehr lange. Gerade bei diesen
Leuten, die so gequält worden sind, vergewaltigt worden sind …
Ehemalige Heimkinder brauchen Zeit, bis sie darüber reden können und an
die Öffentlichkeit gehen. Das muss man aufarbeiten und sich von
offizieller Seite entschuldigen.
Wieder so ein prominenter Psychiater, der trotz zahlreicher Morde an Kindern in der NS-Zeit, ungeschoren davon kam.
Am Spiegelgrund
Grabstelle der Kindereuthanasie-Opfer am Zentralfriedhof
.
.
Der Name Am Spiegelgrund
bezeichnete von 1940 bis 1945 eine Jugendfürsorgeanstalt auf dem
Anstaltsgelände der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ (dem heutigen Otto-Wagner-Spital) auf der Baumgartner Höhe in Wien. Diese teilte sich in ein Erziehungsheim und eine „Nervenheilanstalt für Kinder“, zu der auch eine sogenannte Kinderfachabteilung gehörte,
in der kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche
medizinischen Versuchen ausgesetzt und gequält wurden. Mindestens 789
von ihnen wurden ermordet.[1]Heute gilt der Name Am Spiegelgrund als Synonym für Verbrechen derNS-Medizinund „eine bedrohliche, demütigende, in vielen Fällen auch tödliche „Heil“-Pädagogik“.
[…]
Aktion T4
Die Einrichtung der Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund wurde erst möglich, nachdem etwa 3200 bzw. zwei Drittel der Patienten der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt im Zuge derAktion T4abtransportiert
und die Pavillons dadurch geleert wurden. Die Patienten wurden,
teilweise nach einem Zwischenstopp in den AnstaltenNiedernhart bei Linz oder Ybbs an der Donau, in die Tötungsanstalt Hartheimüberstellt und dort vergast.
Heinrich Gross (* 14. November1915 in Wien; † 15. Dezember2005 in Hollabrunn) war ein österreichischer Arzt, der als Stationsleiter der „Reichsausschuß-Abteilung“ an der Wiener „Euthanasie“-KlinikAm Spiegelgrundbehinderte
Kinder für Forschungszwecke missbrauchte und an ihrer Ermordung
beteiligt war. Seine Nachkriegskarriere konnte er auf der während der
NS-Zeit entstandenen Gehirnsammlung aufbauen, die er für 34
wissenschaftliche Arbeiten heranzog.Er wurde Leiter des eigens für ihn geschaffenenLudwig Boltzmann-Instituts zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystemsund meistbeauftragter Gerichtspsychiater Österreichs.
In dieser Funktion traf er 1975 auf den Spiegelgrund-Überlebenden Friedrich Zawrel, der den Anstoß dazu gab, dass die Öffentlichkeit von Gross’ Vorleben erfuhr.Als Werner Vogtihn 1979 der Ermordung hunderter Kinder bezichtigte, strengte Gross ein Verfahren gegen Vogt wegen übler Nachrede an. Vor demOberlandesgericht Wienkonnte
ihm die Mitbeteiligung an den „Euthanasie“-Morden nachgewiesen werden.
Strafrechtlich konnte er dafür jedoch nicht belangt werden, weil die
Staatsanwaltschaft sich jahrelang weigerte (Anmerkung: warum wohl?), ihn
des Mordes anzuklagen, und Totschlag verjährt war. Erst 1997 kam es zur
Mordanklage.Die Verhandlung sollte am 21. März
2000 stattfinden, jedoch wurde Gross für nicht vernehmungsfähig erklärt
und die Verhandlung für unbestimmte Zeit aufgeschoben. Im August 2005
tauchten VerhörprotokolleErwin Jekelius’
aus Archiven der russischen Militärstaatsanwaltschaft aus den Jahren
1945 bis 1948 auf, die Gross schwer belasteten, doch die
Staatsanwaltschaft wurde nicht mehr aktiv, Gross verstarb noch im selben
Jahr.
Am 18. November 1940 begann Gross unter dem ärztlichen LeiterErwin Jekelius und dessen Stellvertreterin Margarethe Hübsch (Jekelius wurde ab Juli 1942 durch Ernst Illing abgelöst)
als Aushilfsanstaltsarzt am Spiegelgrund, wurde aber bald Anstaltsarzt;
zunächst in der „Schulkinderabteilung“ für schwer erziehbare Kinder der
am 24. Juli 1940 in neun Pavillons des Spitalskomplexes eingerichteten
Jugend-Fürsorgeanstalt. Deren Aufgabe war die „Beobachtung
psychopathischer oder erbkranker Kinder, die nach zwei- bis
dreimonatigem Aufenthalt an die einzelnen Anstalten zur weiteren
Behandlung und Erziehung abgegeben werden sollten“.
Dort versuchte Gross, Kinder mit sadistischen, für sie qualvollen Maßnahmen wie „Speibinjektionen“ zu disziplinieren. Mit der Gründung der „Säuglingsabteilung“ im April 1941, die intern als „Reichsausschußabteilung“ bekannt und die zweite ihrer Art im Großdeutschen Reich war, übernahm
Gross deren Leitung. In dieser „Reichsausschußabteilung“, die sich im
Pavillon 15 befand, fanden bis 1945 „Euthanasie“-Morde statt.
Häufig verfasste Gross die
Meldungen an den Reichsausschuss. Stellte er eine negative Prognose,
führte das dazu, dass der Reichsausschuss deren Tötung genehmigte. Lag
die Genehmigung vor, wurde meist das Pflegepersonal angewiesen, dem Kind
Gift ins Essen zu mischen oder es wurde injiziert, wobei es so dosiert
war, dass die Kinder nicht sofort, sondern mehrere Tage lang, häufig an
Lungenentzündung und anderen Folgekrankheiten, qualvoll starben – „da
man den Eltern dieser Kinder Gelegenheit bieten wollte, ihre Kinder noch
lebend zu sehen“, wie Illing am 22. Oktober 1945 aussagte.[4]
Gross erledigte auch die Korrespondenz mit den Eltern der Kinder, die
über eine plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes
informiert wurden, ehe die Kinder starben.
Gross besuchte im Juni/Juli 1941 und im Jänner 1942 Weiterbildungskurse in Brandenburg an der Havel, wo sich eine T4-Tötungsanstalt befand und in der Landesanstalt Görden bei Brandenburg unter dem Leiter Hans Heinze seit 1939 die erste Kinderfachabteilung eingerichtet war. Was
genau Gross dort gelernt hat, ist nicht bekannt, jedoch stieg die
Sterblichkeitsrate der „Kinderfachabteilung“ nach seiner Rückkehr
drastisch an: Während im ersten Halbjahr 1941 22 Kinder den Tod fanden,
waren es im zweiten Halbjahr bereits 72.[3][2]Von den getöteten Kindern wurden Gehirne und Rückenmarksstränge entnommen und für Forschungszwecke aufbewahrt.[5]
Gross bekam im Oktober 1941 eine Dienstwohnung für sich und seine
Familie am Gelände der Klinik. Per 11. November 1941 wurde er
rückwirkend ab 1. Februar 1940 in den Dienst der Gemeindeverwaltung des
Reichsgaues Wien übernommen, was eine Nachzahlung an Bezügen bedeutete. Zudem bekam er eine „einmalige Sonderzuwendung“ für das Jahr 1941, die der SS-Hauptsturmführer Hermann (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, SD-Leitabschnitt Wien) für ihn erwirkte.[1]
Am 26. März 1942 wurde Gross zur Wehrmacht
nach Hollabrunn einberufen, befand sich aber am 5. Mai 1942 schon
wieder am Spiegelgrund, da er per 27. April als unabkömmlich für die
(mit der „Euthanasie“ befasste) Kanzlei des Führers
gestellt wurde. Gross führte seine Tätigkeit als Gutachter auch in Ybbs
aus und befand sich im Mai 1942 mehrere Tage im Kinderheim Frischau bei Znaim, um die dort untergebrachten Kinder zu sichten und zu selektieren.
Unter Illing als neuem ärztlichen Leiter des Spiegelgrunds ab 1. Juli 1942 teilte Gross die Leitung der „Säuglingsabteilung“ mit Marianne Türk. Bis
zu diesem Zeitpunkt kamen auf der Abteilung unter Gross’ Leitung 336
Kinder ums Leben, wobei er in 238 Fällen auch den Totenschein
unterschrieb.[5]
Mit Illings Eintreffen begann Gross auch an medizinischen Experimenten
mitzuwirken. So wurden an fast allen Kindern des Spiegelgrunds Pneumoencephalographien vorgenommen – in vielen Fällen durch Gross. Das Forschungsinteresse Illings galt nämlich dem Nachweis, dass Tuberöse Sklerose durch die Pneumoencephalographie bereits beim lebenden Patienten diagnostiziert werden könne.
Oft überlebten die Kinder die
extrem schmerzhafte Untersuchung nicht, bei der für eine Röntgenaufnahme
über das Rückgrat Luft in die Gehirnkammern gepresst wurde. Gross und
Illing nahmen dabei weder Rücksicht auf den Gesundheitszustand der
kleinen Patienten noch war medizinische Notwendigkeit gegeben.
Ihr Interesse galt einzig der Forschung. Um die Diagnosen klinisch zu
belegen, war es notwendig, von den verstorbenen Patienten Hirnschnitte
anzufertigen.[1][2]
[…]
Kriegsende und Nachkriegszeit
Auch war es ein Glück für Gross, dass er nur in einem Fall angeklagt wurde. Der Justizminister Josef Gerö drängte bereits bei Illings
Verfahren darauf, umgehend Anklage zu erheben und das weitere Studium
der Patientenakten bleiben zu lassen, und so gab sich die
Staatsanwaltschaft bei Gross mit einem Fall zufrieden, ohne weitere
Untersuchungen oder Zeugenvernehmungen durchzuführen. Auch über
Widersprüche in Gross’ Aussagen darüber, wie weit er vom Reichsausschuß
wusste, sah man hinweg, und offensichtlich falsche Entlastungsaussagen
wurden nicht hinterfragt (Anmerkung: Ich staune wieder). In Erster
Instanz wurde er nur für seine Mithilfe durch das Verfassen von
Gutachten zu zwei Jahren Haft verurteilt. Da die Strafe jedoch genau der
Dauer der Untersuchungshaft entsprach, ging er bereits am 1. April 1950
wieder frei.
[…]
Karriere im Nachkriegsösterreich
Gross rehabilitierte sich wie viele andere ehemalige Nationalsozialisten über den Bund Sozialistischer Akademiker
(BSA) und konnte durch die dort geknüpften Verbindungen erneut in den
Dienst der Stadt Wien treten. Er absolvierte eine Ausbildung zum
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie an der Nervenheilanstalt Rosenhügel, die zu der Zeit unter der Leitung von Erwin Stransky stand. 1953 trat er der SPÖ bei.[6] Nach Abschluss seiner Ausbildung kehrte er 1955 auf den Steinhof (heute Otto-Wagner-Spital) zurück.
Gross setzte seine Forschungen an den Kinderhirnen fort und
publizierte zwischen 1954 und 1978 34 Arbeiten, deren Schwerpunkt
weiterhin „angeborene und frühzeitig erworbene hochgradige
Schwachsinnszustände“ waren. Teilweise entstanden diese
Veröffentlichungen gemeinsam mit Franz Seitelberger, Barbara Uiberrak, Elfriede Kaltenbäck (einer Mitarbeiterin Gross’ im Neurohistologischen Laboratorium, später im Ludwig-Boltzmann-Institut),Hans Hoff und anderen. Auf
die NS-Zeit hinweisende Lebens- und Sterbedaten wurden im Allgemeinen
vermieden, als Herkunft des „Materials“ wurde die Prosektur des Steinhof
angegeben.
[…]
Wiedersehen mit Friedrich Zawrel
In seiner Funktion als Gerichtspsychiater saß Gross am 27. Dezember 1975 dem ehemaligen Spiegelgrund-Insassen Friedrich Zawrel gegenüber. Zawrel
hatte über all die Jahre Gross’ Tätigkeit als Gerichtspsychiater in den
Zeitungen verfolgt und konnte nicht verstehen, „wie es möglich war,
dass ein Mann mit so einer Vergangenheit eine so wichtige Stellung im
Justizapparat haben konnte, zumal seine Vergangenheit durch den Prozess
vor dem Volksgericht bekannt war“.[1] Gross gegenübersitzend sagte Zawrel:[3]
„Glauben Sie mir, ich kenne Menschen, die haben
hunderttausende Mal mehr verbrochen wie ich, aber die sind heute wieder
angesehene Leute, sind in hohen Funktionen und so.“
Gross verstand nicht und erkannte Zawrel nicht. Auf die Frage, ob er schon einmal psychiatriert worden sei, antwortete Zawrel:[3]
„Herr Doktor, für einen
Akademiker haben Sie aber ein sehr schlechtes Gedächtnis. […] Herr
Doktor, können Sie überhaupt noch gut schlafen? Haben Sie schon
vergessen die vielen toten Kinder vom Pavillon 15, haben Sie schon die
gemarterten und misshandelten Kinder vom Pavillon 17 vergessen?“
Mit dem Gutachten, das Gross anfertigte, sprach er sich dafür aus,
Zawrel im Anschluss an die Haft in einer Anstalt für gefährliche
Rückfallstäter für immer hinter Gitter zu behalten und untermauerte dies
u. a. mit einem Gutachten Illings aus dem Jahr 1943. Zawrel wehrte
sich, indem er mittels eines Kassibers Kontakt zum Kurier aufnahm. Wolfgang
Höllrigl, der Zawrel interviewte, veröffentlichte am 17. Dezember 1978
den ganzseitigen Artikel „Ein Häftling erkannte in Österreichs
meistbeschäftigtem Gerichtspsychiater Dr. Gross einen NS-Arzt wieder.
Ein Arzt aus der NS-Mörderklinik“ erschien. Nicht nur die
Vergangenheit von Gross wurde darin beleuchtet, auch einige auf Basis
seiner Gutachten gefasste Urteile aus großen Prozessen wurden kritisch
unter die Lupe genommen.[8]
Gross’ Klage gegen Werner Vogt
„Nun also macht sich Gross, der selbst an der Tötung
Hunderter Kinder mitbeteiligt war, über die Tötungsdelikte
Geisteskranker her.“
Vogt, sein Verteidiger Johannes Patzak und der Medizinhistoriker
Michael Hubenstorf recherchierten den Werdegang von Gross und
analysierten seine wissenschaftliche Publikationen ebenso wie die
Verfahrensakten gegen Illing 1946 und Gross 1950. Als Zeugin wurde die
Krankenschwester Anna Katschenka
geladen, doch sie erlebte den Verhandlungstermin nicht mehr. Als der
Kronzeuge Friedrich Zawrel zu erzählen begann, schnitt Richter Bruno
Weis ihm das Wort mit „das gehört nicht hierher“ ab. Das Verfahren
führte in Erster Instanz am 22. Februar 1980 zu einem Schuldspruch für
Vogt, der zu einer Geldstrafe von 32.000 Schilling
sowie zu einer Geldbuße an Gross von 10.000 Schilling verurteilt wurde.
Die Strafe sollte generalpräventiv wirken, also mögliche Folgetäter
abschrecken. Vogt legte Berufung ein.[2][1]
In der Folge klagten sich 3.600 Menschen selbst an, weil sie auf
einer Unterschriftenliste das Zitat jener Formulierung, wegen der Vogt
angeklagt wurde, unterschrieben hatten, darunter etwa Christine Nöstlinger, Peter Turrini, Dieter Seefranz, Anton Pelinka, Alfred Hrdlicka und Sigi Maron. Gross strengte kein Verfahren gegen sie an. Jedoch verklagte er im Jänner 1981 die Kabarettisten Erwin Steinhauer und Götz Kauffmann, die Gross in einer im November 1980 im ORF ausgestrahlten Kabarett-Sendung parodierten. Sie wurden ein Jahr später freigesprochen.[1]
„Ich kann es nicht akzeptieren, daß man
im medizinischen Bereich Naziverbrechen bagatellisiert. Die Ärzte waren
auch in Österreich Teil einer grauenhaften Tötungsmaschinerie, die
nicht nur Andersdenkende, andere Rassen, sondern auch Kranke und
Behinderte brutal ermorden ließ. … Ich stehe nicht an, mich als Arzt bei
den vielen Opfern und Hinterbliebenen des Dritten Reiches zu
entschuldigen, da wir Ärzte sehr viel Mithilfe geleistet haben, daß im
Rassenwahn und in falscher Pflichterfüllung Hunderttausende, Millionen
von Menschen zu Tode kamen. Ich persönlich schäme mich.“
[…]
Das Justizministerium lehnte die Einstellung des Verfahrens gegen
Gross ab. Ende 1997 wurde das Strafverfahren wegen Mordes eingeleitet. Sepp Rieder,
damals Gesundheitsstadtrat und Vizebürgermeister Wiens, bezeichnete
Gross im Jänner 1998 während einer Pressekonferenz zum Symposium „Zur
Geschichte der NS-Euthanasie in Wien“ als Mörder.[
Am 21. März 2000 saß Gross auf der Anklagebank, die Verhandlung wurde
jedoch nach 30 Minuten aufgrund eines neuerlichen Gutachtens des Psychiaters Haller vertagt und nicht wieder aufgenommen. Haller attestierte Gross fortgeschrittene vaskuläre Demenz und eine ausgeprägte Depression.[12]Der New Yorker Psychiater und Gerichtssachverständige Peter Stastny stellte zum Gutachten fest:
„Unerklärlich sind
mir die Umstände, unter denen das psychiatrische Gutachten gemacht wurde
und – vor allem – warum es vom Gericht als schlüssig akzeptiert wurde.
[…] Aus den Befunden – sowohl Computertomografie
(CT) wie Tests wie Beobachtung – werden Schlüsse gezogen, die daraus
nicht ableitbar sind. So wird die Diagnose der Demenz und einer
ausgeprägten Depression auch auf die CTs gestützt. […] Der zweite von
Dr. Haller angewandte Test der zerebralen Insuffizienz ist überhaupt
nicht mehr gängig. Das Konzept der zerebralen Insuffizienz wird heute
weder klinisch noch wissenschaftlich verwendet.“[13]